17. Oktober 2014

Feiern in Yogyakarta

„Jogja kota khusus,“ sagt Winda, unsere Indonesischlehrerin. Jogja sei eine spezielle Stadt. Einerseits weil die Menschen so freundlich seien, andererseits weil es immer etwas zu feiern gebe. Wir haben genug Zeit, beides hautnah mitzuerleben.

Yogyakarta (oder eben kurz: Jogja) gehört zu den Städten, von denen man sagen könnte, man habe sie in zwei Tagen gesehen. Die meisten Besucher bleiben denn auch nicht viel länger, schliesslich sind die touristischen Highlights schnell abgehakt. Wir hingegen gehen erst nach über zwei Wochen wieder: Spontan entscheiden wir uns, einen Indonesisch-Kurs zu besuchen. In dieser Zeit eignen wir uns nicht nur Grundkenntnisse in Bahasa Indonesia an, die uns später so manches Lächeln bescheren werden, sondern bauen uns einen Alltag in der Fremde auf und sind bei mehreren Festen und Zeremonien dabei. So wie es aussieht, feiert man in Jogja tatsächlich ganz gern.

 

Die Attraktion sind wir

Als wir an einem Freitagnachmittag vom touristischen Trubel auf der Jalan Malioboro zu unserer kleinen Wohnung zurückgehen, entdecken wir eine Menschenansammlung in einer abgesperrten Strasse. Wir sind neugierig und schauen uns das Treiben von Nahem an. Auf einer Bühne sehen wir für Indonesien sehr spärlich bekleidete Frauen, die zu lauter, schriller Musik singen und tanzen. Gleichzeitig tragen fast alle Zuschauerinnen auf den Plastikstühlen davor ein Kopftuch. Vor der Bühne tanzen drei oder vier ältere Frauen ausgelassen. Als sie uns sehen, stürmt eine davon auf uns zu, packt Samir an der Hand und zieht ihn mit sich auf die Tanzfläche. Die Frauen sind begeistert, die Zuschauer rund um den Platz halten die Szene mit ihren Handykameras fest oder kommen zu mir, um mich auszufragen. Irgendwann werde dann auch ich von einem älteren Herrn „aufgefordert“. Na dann, lasst uns tanzen für sowas sind wir schliesslich hier.

Gebete, Blut und Schafsköpfe

Eine Woche später ist Idul Adha, das islamische Opferfest. Wir sind nun zwar bereits jeden Morgen um 4:00 Uhr von den Gebeten der Muezzins wahrscheinlich sind es fast zehn im Umkreis unserer Wohnung geweckt worden. Aber an Idul Adha dauern die Gebete nicht nur eine halbe Stunde, sondern den ganzen Tag. Ja, den lieben, langen Tag, bis um Mitternacht, begleiten uns die Gesänge der Muezzins, die ihre Töne oft eher schlecht als recht halten können. Das Megaphon trägt sein Übriges dazu bei. Am zweiten Tag darf sich dann der Nachwuchs daran versuchen, ebenfalls von früh bis spät.

Idul Adha dauert vier Tage und findet jeweils zum Höhepunkt des Hadsch statt, der Pilgerfahrt nach Mekka. Sofern finanziell möglich, sollte jeder gläubige Muslime zum Fest ein Tier opfern und das Fleisch an Bedürftige verteilen. Winda hat gemeint, wir könnten uns die Feierlichkeiten ruhig anschauen gehen. Also stehen wir am Samstag gegen Mittag vor dem Tor einer grossen Moschee und versuchen, einen Blick auf das Geschehen darin zu erhaschen. Es dauert nicht lange, bis man uns hereinwinkt. Drin sind überall fleissige Männer und Frauen bei der Arbeit. Sie zerhacken Knochen mit dem Beil, schneiden Fleisch in Stücke und kochen
in grossen Töpfen Därme, Mägen, Lungen und sämtliche weiteren Innereien der geschlachteten Tiere. Ihre Kleidung und der Boden sind voller Blut, in einer Ecke liegen Schafsköpfe auf einem Haufen. 
Für unsere europäischen Augen ist das alles sehr gewöhnungsbedürftig. Doch es fasziniert auch, besonders weil wir so herzlich empfangen werden. Zwei Frauen führen uns herum, erklären uns alles, laden uns ein, zum Essen wiederzukommen, und bieten uns sogar an, selbst Fleisch zu schneiden was wir aufgrund des vielen Bluts aber dankend ablehnen. All die kulturellen und religiösen Unterschiede zwischen uns spielen keine Rolle, wir gehen gegenseitig offen, respektvoll und interessiert miteinander um, haben alle die Chance, unseren Horizont zu erweitern. Eine schöne, wertvolle Erfahrung. 


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