12. November 2014

Der Tod und die Toraja

Im Tana Toraja, dem „Land der Toraja“, ist der Tod allgegenwärtig. Wer den Weg hierher, ins zentrale Hochland von Sulawesi, findet, kommt in erster Linie wegen der Felsengräber und der aufwendigen Bestattungszeremonien. Verlassen werden wir den Ort nachdenklich und mit mehr Fragen als Antworten. 



Lange ist überhaupt nichts passiert. Seit einiger Zeit schon stehen wir am Rand des Platzes zwischen eigens aufgebauten Bühnen aus Bambus und einem grossen traditionellen Haus. Auf dessen Dach thront der aufwendig verzierte Sarg. Irgendwann hat uns eine nette Frau leckeren Kaffee und Gebäck gebracht. Ganz in unserer Nähe wartet ein Wasserbüffel auf sein unausweichliches Schicksal. Daneben liegen quiekende Schweine, festgebunden auf einer Holzkonstruktion und unfähig, sich zu bewegen. Und dann, ganz plötzlich, kommt Bewegung in diese für uns bereits leicht bizarr anmutende Szenerie: Ein grosser, bulliger Büffel wird auf den Platz geführt, wir sind auf einmal mitten in einer Menschenmasse. Die Stimme im Lautsprecher scheint irgendwas anzukündigen. Ich, noch die Kaffeetasse in der Hand, brauche einen Moment, bis mir klar wird, dass es jetzt ans Schlachten geht.

Die Reise in das Leben nach dem Tod

Der Tod ist das wichtigste Ereignis im Leben eines Toraja. Erst, was nach dem Tod kommt, ist für die Toraja tatsächlich von Bedeutung. Wer stirbt, geht in ihrer Vorstellung auf eine lange Reise zu dem mystischen Ort Puya. Damit der Tote den Ort auch erreichen kann, müssen seine Hinterbliebenen aufwendige Rituale durchführen, bei denen je nach sozialer Stellung des Verstorbenen bis zu einem Dutzend Büffel und zahlreiche Schweine geopfert werden. Die Opfergaben nimmt der Tote mit nach Puya. Der Druck für die Angehörigen, diese Rituale zu feiern, ist demnach gross und die Feiern sind sehr kostspielig. So mancher Toraja muss sich stark verschulden, um die nötigen Mittel dafür aufzutreiben. Der Verstorbene er gilt bis zur Bestattung nur als krank wird so lange in einem separaten Zimmer im Haus aufgebahrt, manchmal mehrere Monate lang.

Die Bestattung selbst ist ein rauschendes Fest und kann bis zu einer Woche dauern, wobei Hunderte von Gästen empfangen werden. Auch Ausländer sind gern gesehen, denn viele Gäste ehren einerseits den Toten und sollen andererseits den Gastgebern Glück bringen. So kommt es, dass sich an den Totenfeiern immer wieder einige weisse Touristen finden, deren Emotionen von neugierig und fasziniert bis hin zu geschockt und angewidert reichen können.


Das grosse Blutvergiessen

Auch wir sind neugierig, als wir an diesem Tag Kaffee trinkend in dem kleinen Dorf rund eine Stunde nördlich von Rantepao stehen. Aber als der Mann in der Mitte des Platzes das Messer aus seinem Gürtel zieht und sich vor dem Büffel platziert, wird mir doch etwas mulmig zumute. Töten ist immerhin nichts, was zu Hause in der Schweiz in der Öffentlichkeit zelebriert wird. Ich drehe mich weg, höre nur, wie das Blut auf den Boden schwappt, wie das Tier schreit und kämpft, wie es stirbt. Ich lasse meinen Blick über die Dorfbewohner in meiner Nähe schweifen. Für viele scheint das hier beste Unterhaltung zu sein; sie sind von ihren Stühlen aufgestanden und verfolgen die Szene aufgeregt. Ein Mann lacht mich an. Er wirkt stolz.

Sobald es ruhig ist, wird der nächste Büffel auf den Platz geführt. Es geht alles sehr schnell und innert kurzer Zeit liegen vier Tiere in einer riesigen Blutlache. Die Männer des Dorfes beginnen, die Büffel gekonnt zu häuten und zu zerhacken. Die Köpfe werden aufgereiht, auf einem Haufen liegen Därme, Mägen, Lungen. Das Dorfoberhaupt diskutiert mit einigen Männern, wer im Dorf wie viele Stücke Fleisch erhalten soll, und hält die Entscheidung auf einer Liste fest. Man trinkt wieder Kaffee, isst Kuchen und schwatzt mit den Nachbarn. Nebenbei werden irgendwo Schweine geschlachtet, immer wieder ist kurz ein panisches Quieken zu hören.

Ja, das alles wirkt brutal und kann schockieren. Und ja, der Umgang der Toraja mit den Tieren deckt sich nicht mit unseren Vorstellungen davon. Trotzdem versuche ich in dem Moment, mein von mitteleuropäischen Werten geprägtes Denken zu überwinden und die Zeremonie als das zu akzeptieren, was sie letztendlich ist: ein wichtiger Bestandteil der Kultur der Toraja. 
 

Vom Geben und Nehmen

Als ein wenig später das Fleisch und die Innereien der geschlachteten Tiere zur Seite geräumt sind, werden die Gäste empfangen. Wir sind auf einer der Bambusbühnen platziert worden, wieder gibt es Kaffee und für die Männer Zigaretten. Die vielen Gäste, gekleidet in traditionellen Gewändern, kommen in Gruppen und werden ebenfalls einer Bühne zugeteilt. Sie bringen Geschenke für die Angehören: Büffel, Schweine, Palmwein, Zucker, Zigaretten. Es wird genau festgehalten, wer welches Geschenk bringt daraus entsteht eine Schuld, welche die Angehörigen bei Gelegenheit begleichen müssen. Deshalb werden auch nicht alle Tiere geschlachtet, einige werden gehegt und gepflegt, um schliesslich auf dem wöchentlichen Büffelmarkt verkauft oder später weiterverschenkt zu werden. Hinter all diesen für uns so fremden Vorgängen stecken durchaus komplexe ökonomische und soziale Strukturen.


Mehr Fragen als Antworten

Der Tod lässt uns nach dem Besuch der Zeremonie lange nicht los. Nicht, als wir die Felsengräber besichtigen, in denen die Verstorbenen ihre Reise nach Puya antreten, und auch nicht, als wir vor dem Baum stehen, in dem Babys ihre letzte Ruhe finden und zusammen mit dem Stamm weiterwachsen. Abends versuchen wir, das Erlebte gemeinsam zu verarbeiten, fragen uns, wie wir diese Erlebnisse einordnen sollen und warum wir zu Hause so anders mit dem Tod umgehen. Und auch: Warum nimmt man als Reisende überhaupt an einer Zeremonie teil, bei der das Blut literweise fliesst?

Obwohl man dieser Art von „Kulturtourismus“, bei der Aussenstehende Menschen mit anderem kulturellen Hintergrund bei ihrem täglichen Leben beobachten und oft sofort bewerten, durchaus kritisch begegnen kann, ist das Kennenlernen neuer Kulturen auch einer der Gründe, warum wir reisen. Bei dem Besuch der Zeremonie durften wir eine andere, neue Sicht auf den Tod und damit auch auf das Leben kennenlernen. Es mag nicht unsere Sicht sein, und wahrscheinlich stehen hinter dem Thema Tod für uns heute mehr Fragezeichen als vorher. Aber auch deshalb reisen wir: um unseren Horizont zu erweitern, neue Perspektiven dazu zu gewinnen, um Vorurteile abzubauen, Fremdem offen zu begegnen, es anzunehmen und verstehen zu wollen. Und um uns immer wieder neue Fragen stellen zu können mehr Fragen, als wir Antworten bekommen.


 

1 Kommentar:

  1. Endlich ;-), kann ich wieder einen Beitrag von euch lesen und die Aufnahmen bestaunen. Obwohl mir ehrlich gesagt die Aufnahmen von den Vulkanen um einiges besser gefallen haben als die armen Tiere. Aber wie du schreibst meine liebe Ramona, andere Länder mit ihren Ritualen kennenzulernen ist nicht immer einfach. Ich hoffe ihr konntet in dieser Nacht doch noch gut schlafen und habt das ganze gut verdaut. Kann mir sehr gut vorstellen, dass man am liebsten eingreifen oder verurteilen möchte. Aber haben wir das Recht dazu und ist unsere Bestattungsart für die Toraja nicht auch ungewohnt und eventuell abstossend?
    Aber genau diese Erfahrungen sind doch auch das Schöne am reisen und ihr seid ja sehr tolerant und offen für Neues. Nun wäre es schön noch zu einer Hochzeit eingeladen zu werden, damit ihr diese bestimmt schöne Zeremonie auch erleben könntet. :-)
    Bis bald und bleibt gesund und neugierig. Kuss Mambo

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