7. Dezember 2014

Die Schlange im Paradies — und andere tierische Begegnungen

Von Ratten über Quallen und einen Skorpion bis hin zur Schlange: Auf den Togian-Inseln haben wir nicht nur unser kleines Paradies gefunden, sondern auch an jedem einzelnen Tag eine aussergewöhnliche Begegnung mit der heimischen Tierwelt erlebt.


Auf einer abgelegenen, mit dichtem Dschungel bewachsenen Insel sind mit hoher Wahrscheinlichkeit alle möglichen Arten von wilden Tieren zu Hause. Davon kann und sollte man vermutlich ausgehen, wenn man eine solche Insel besucht. Trotzdem: Als eines Abends, während wir mit anderen Gästen gemütlich zusammensitzen, einer der Angestellten über die Wiese rennt und „Ular, Ular!“ schreit, sorgt er sowohl unter den Indonesiern wie auch unter uns Touristen für Unruhe. Und als wir sie dann selber sehen, die Schlange, erschrecken wir eben doch. Denn es ist eine vier Meter lange Python.

 

Ein vier Meter langer Muskel

Als der Tauchlehrer den Kompressor abdecken wollte, hat er das zusammengerollte Reptil dahinter entdeckt. Nun stehen mehrere Männer in der kleinen Holzhütte und diskutieren lautstark. Vielen ist die Angst ins Gesicht geschrieben, und so richtig weiss niemand, was jetzt zu tun ist. Als wir uns trauen, den Raum zu betreten und einen Blick hinter den Kompressor zu werfen, sehen wir den Grund für die Ratlosigkeit: Der Kopf der Schlange ist etwa so gross wie eine gespreizte Hand. In Teamarbeit schaffen es die Männer schliesslich, ihr eine Schnur um den Kopf zu legen und sie unter lautem Geschrei daran aus dem Kompressorraum herauszuziehen. Plötzlich wird auch ihre vollständige Länge ersichtlich. Einer so grossen Schlange sind wir bisher nur im Zoo begegnet, vor ihr geschützt durch ein stabiles Käfig.

Da die indonesischen Schlangenbändiger die Sache mit der Schnur wohl nicht ganz zu Ende gedacht haben und sich die Schlinge immer fester um den Hals der Schlange zusammenzieht, stehen sie bald vor einem weiteren Problem: Weil — zum Glück — niemand das Tier sterben lassen will, muss die Schnur entfernt werden. Dazu traben fast alle anwesenden Männer an, breiten die Python aus und halten sie fest, während einer die Schnur durchschneidet. Die unglaubliche Kraft, die in diesem vier Meter langen und im Durchmesser rund zehn Zentimeter dicken Muskel steckt, wird dabei auch für mich als Zuschauerin deutlich. 

Die Schlange verbringt die Nacht in einer verschlossenen und mit Holzbrettern zusätzlich verriegelten Plastiktonne, bis sie am nächsten Morgen auf einer Nachbarinsel freigelassen wird. Hoffentlich hat sie keine Eier gelegt, zu denen sie zurückkehren muss — Pythons scheinen geübte Schwimmer zu sein. Und damit nicht genug: Sie sind auch häufig in Paaren unterwegs. Na toll! Vielleicht taucht da bald ein Männchen auf, noch grösser und stärker und auf der Suche nach seiner besseren Hälfte. Unter diesem Gedanken leidet unsere Schlafqualität in den folgenden Nächten doch ein wenig, zumal die Bungalows mit indonesischem Perfektionismus gefertigt worden sind und damit reichlich Öffnungen und Luken aufweisen, durch die auch grosse Pythons problemlos schlüpfen könnten.

Wie man keine Ratten fängt

Eine weitere Schlange taucht glücklicherweise nicht auf. Dafür wecken uns öfters die Ratten, die nachts auf unserem Dach herumtoben. Einer der Angestellten zeigt sich hilfsbereit und will den Ratten an den Kragen. Dazu stellt er eine Falle auf den Dachboden: ein Holzbrett, bestrichen mit Klebstoff und mit einem Stück süssem Brot in der Mitte. Auch das ist offenbar nicht ganz zu Ende gedacht worden, denn die Ratte gibt sich natürlich nicht mit ihrem Schicksal zufrieden, als sie nachts an dem Brett kleben bleibt. Vielmehr kämpft sie, schlägt mit dem Brett um sich, quiekt laut und herzzerreissend. Wir sind müde, wollen schlafen, haben weder Lust auf den Lärm noch können wir die Ratte guten Gewissens da oben leiden lassen. Also steckt Samir nach einigem Überlegen den Kopf durch eine Luke aufs Dach und befreit den kleinen Nager, der sich sogleich aus dem Staub macht. Denn: lieber eine Ratte, die auf dem Dach rumrennt, als eine, die vor Angst quiekt und an ein Brett geklebt herumpoltert.

Glühwürmchen, Quallen und Riesenechsen

Unsere weiteren tierischen Begegnungen sind vergleichsweise harmlos: Bei der Anfahrt auf die Insel haben uns schon die fliegenden Fische, die ums Boot herum sprangen, und die Mikroorganismen, die für das zauberhafte Meeresleuchten sorgten, entzückt. Dutzende von Glühwürmchen verleihen später den Bäumen am Meer eine mystische Atmosphäre. Beim Schnorcheln habe ich ein kurzes Tête-à-tête mit einem Schwarzspitzenriffhai, der aber mehr Angst vor mir zu haben scheint als umgekehrt. Die giftige, schwarzweiss gestreifte Seeschlange wäre da schon die grössere Gefahr, wenn ihr Mund gross genug wäre, um uns tatsächlich beissen zu können. Die Bienenattacke, die Samir beim Kokosnüsse sammeln über sich ergehen lassen muss, geht mit zwei Stichen glücklicherweise relativ glimpflich aus. Und die beiden Riesenechsen, die in einem weissen Sack an den Strand gespült werden, leben bereits nicht mehr. Jemand scheint sie getötet und im Meer entsorgt zu haben — aus den Augen, aus dem Sinn. Wir hingegen können uns nur schon dem Gestank nicht entziehen, den sie verströmen.

In die Lagune mit den Quallen springen wir freiwillig. Der Trip zum sogenannten Jellyfish Lake macht es möglich, zwischen Hunderten von ungiftigen Quallen zu schnorcheln. Das Wasser ist trüb und viel zu warm und die ersten paar Meter sehen wir fast gar nichts. Aber dann geht es los: Aus allen Richtungen kommen die Quallen angeschwommen, einige gross und fest, von rötlicher Farbe, andere kleiner und durchsichtig. Nachdem die erste Panik meinerseits verflogen ist, schwimmen wir gemeinsam um diese spannenden, eigenartigen Kreaturen herum, betrachten sie aus nächster Nähe und trauen uns sogar, sie sanft zu berühren — alles völlig ungefährlich.

Überraschung im Boot

Schliesslich vergeht auch unser letzter Tag auf den Togians nicht ohne tierischen Zwischenfall: Im Longtail-Boot, das uns zum Hafen bringt, sitzt Samir hinter mir und lässt sich die Sonne ins Gesicht scheinen. Das sanfte Kitzeln am rechten Arm ist bestimmt nur der Wind, der die feinen Härchen streift. Erst nach ein paar Sekunden entscheidet er sich, angesichts der tierischen Erfahrungen der letzten Tage, trotzdem einen Blick auf die Stelle zu werfen — sicher ist sicher. Ein Skorpion! Zwar winzig klein und wahrscheinlich auch ohne giftigen Stachel, aber Samir erschreckt sich — natürlich — so, dass er das schwarze Tierchen in Panik von seinem Arm und damit von Bord pustet. Das bedeutet nicht nur das Ende für den armen Skorpion, sondern leider auch für unsere tierisch aufregende Woche auf den Togian-Inseln.

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