4. Januar 2015

Grosse Erwartungen: die Tempel von Angkor

Erwartungen sind so eine Sache. Sie steigern die Vorfreude auf ein Ereignis, aber wenn sie allzu zu hoch sind, kann darauf eine bittere Enttäuschung folgen. In Siem Reap, bei den Tempeln von Angkor, erfahren wir das Gefühl, das sich einstellt, wenn Erwartungen und Realität sich nicht decken.

Der Himmel ist grau, nicht mehr schwarz, wie noch vor ein paar Minuten, und in der Ferne zeichnet sich die Silhouette ab, auf die wir alle warten. Wir alle: Samir, ich und eine ganze Schar weiterer Menschen, die sich wie wir mitten in der Nacht aus dem Bett geschält haben, um die Sonne über Angkor Wat aufgehen zu sehen. Angkor Wat. Die grösste Tempelanlage der Welt. Ein wahres Wunder der Baukunst der alten Khmer. Einer der wenigen Orte, von denen ich immer dachte, dass man sie „mal gesehen haben muss“.

Kurz nach vier Uhr sind wir mit unseren alten Damenfahrrädern, die weder über eine Gangschaltung noch über Licht verfügen, losgefahren. Obwohl uns unterwegs einige Tuktuks überholt haben, sind wir früh genug vor Ort und ergattern einen guten Platz in der zweiten Reihe. Vor uns auf einem Stein sitzt ein Khmer, der regelmässig zum Fotografieren herkommt. Die Gruppe links von uns lässt sich von einer der vielen Verkäuferinnen Kaffee bringen, und rechts neben uns gibt ein Engländer alle paar Minuten lauthals bekannt, mit welchem ISO-Wert er gerade wieder ein Foto geschossen hat. Wir sind nicht allein. Und dieser Moment, als sich das imposante Bauwerk langsam vom dunklen Himmel abhebt, hat so gar nichts Besinnliches an sich.


Ein entzaubertes Meisterwerk

Die aufgehende Sonne versteckt sich hinter Wolken, sodass der Herr zu unserer Rechten einen roten Filter vor seine Kamera spannen muss, um die Farben hinter dem Tempel so hinzubiegen, wie er sie gerne hätte. Noch bevor die Sonne ganz am Himmel steht, entscheiden wir uns, der Menschenmasse zu entfliehen und uns Angkor Wat aus der Nähe anzusehen. Ich versuche, den Tempel so zu betreten, wie er es meiner Meinung nach verdient hat: still und voller Ehrfurcht. Gleichzeitig hinterlassen diverse Reisegruppen schon zu dieser frühen Stunde laut schnatternd ihre Spuren.

Und dann stehe ich da, inmitten dieses Bauwerks, auf das ich so gespannt war, und von dem ich mir erhofft hatte, es würde etwas in mir bewegen. Aber da passiert nicht viel in mir. Angkor Wat ist beeindruckend, keine Frage. Es war und ist noch immer ein wichtiger Ort voll von Geschichte. Aber es ist auch viel weniger mystisch und erhaben, als meine Erwartungen es mir vorgegeben hatten. Das liegt nun bestimmt zu einem grossen Teil an der Unmenge von Menschen und an der Tatsache, dass sich viele von ihnen nicht eben respektvoll durch die Gänge bewegen; sie diskutieren und lachen lautstark, ziehen in grossen Gruppen wie ein Orkan vorbei, schieben und schubsen andere zur Seite, um vor Statuen und Reliefs für Bilder zu posieren. Ein paar amerikanische Teenager geben einander Frisuren- und Abnehmtipps, und ich frage mich, ob sich hier denn niemand auf diesen Tempel einlassen möchte. Ja, natürlich: Bei berühmten Sehenswürdigkeiten sind viele Menschen anzutreffen. Und natürlich sind auch wir Teil dieser unglaublichen Touristenmasse, die Angkor jeden Tag besucht. Hat mein Geist sich dieser Tatsache schlicht und einfach verweigert, als er im Vorfeld die hohen Erwartungen aufbaute?

Eindrücke abseits von Angkor Wat

Wir haben uns Angkor Wat und den berühmten Dschungeltempel Ta Phrom — in dem das Gedränge bei uns beiden erst recht für ungläubiges Kopfschütteln sorgt — für den dritten und letzten Tag in Angkor aufgespart, als vermeintliche Highlights zum Schluss. Vorher haben wir uns zwei Tage lang mit anderen Anlagen beschäftigt: Als erstes radelten wir zu Angkor Thom mit dem eindrucksvollen Bayon, von dem aus in jedem Winkel ein Gesicht auf die Besucher herunterblickt. Abends eröffnete sich uns vom Tempelberg Phnom Bakheng aus der erste Blick auf Angkor Wat in der Ferne. Und hier wurde bereits klar, dass wir untergehen würden in der schieren Menge von Menschen, die aus demselben Grund wie wir hier sind.

Unsere wirklichen Highlights haben wir am zweiten Tag entdeckt, abseits der grossen Haupttempel. Per Tuktuk besuchen wir den kleinen Banteay Srei aus rötlichem Sandstein, der uns mit seinen wunderschönen Details in seinen Bann zieht, und Kbal Spean, den „Fluss der 1000 Lingas“, in dessen Flussbett Dutzende von Verzierungen verborgen sind. Hier draussen, rund 50 km von Siem Reap und Angkor Wat, ist es ruhig und ursprünglich. Hier haben wir genügend Zeit und Raum, um eintauchen zu können in die faszinierende Kultur des historischen Khmer-Reichs.

Grelle Gegensätze

Zurück in Siem Reap empfangen uns in der Abenddämmerung grelle Leuchtreklametafeln entlang der Strassen. Grosse, leuchtende Pfeile deuten nach links in die „Pub Street“, und die vielen Restaurants und Bars scheinen sich mit ihren bunten Schildern gegenseitig übertrumpfen zu wollen. Ein seltsamer Kontrast zu den Jahrhunderte alten Bauwerken wenige Kilometer ausserhalb der Stadt. Ein Disneyland für Erwachsene.

Wir bereuen nicht, nach Siem Reap gekommen zu sein. Angkor war eine schöne, wichtige Erfahrung. Eine, die wir nicht missen möchten und die wir gern in unserer Erinnerung mit uns tragen werden. Nur schon unsere Fahrradtouren durch die wunderbare Umgebung haben dafür gesorgt. Zurück bleibt aber auch ein wenig Wehmut, ein Gefühl der Entzauberung, weil ich im Tempel aller Tempel, von dessen Besuch ich mir so viel erhofft hatte, nicht das empfunden habe, was ich mir vorgestellt hatte. Dafür kann Angkor Wat nichts. Manchmal sind Erwartungen einfach zu weit entfernt von der Wirklichkeit. 



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