21. Januar 2015

Intensive Eindrücke in Kambodscha

Eine Reise durch Kambodscha ist eine Reise voller Emotionen. Freude, Betroffenheit, Mitleid und Zuversicht wechseln sich ab. Wo gestern noch eine Träne verdrückt werden musste, steht schon heute wieder ein unglaubliches Glücksgefühl. Kambodscha berührt.
 

„100 Baht“, ordert der uniformierte Beamte, als er, ohne mich eines Blickes zu würdigen, meine US-Dollar fürs Visum entgegennimmt. Oh nein, denke ich, auf dem Schild oben steht doch klar und deutlich: „Visum 30 USD.“ Auf meine Ausrede, ich hätte keine Baht mehr, erwidert er: „Okay, 3 Dollars.“ Da wir leider den Fehler gemacht haben, nicht genügend Dollar für uns beide dabei zu haben, mussten wir schon für eines unserer zwei Visa in Baht zu viel zahlen. Deshalb bin ich nun erst recht nicht bereit, die korrupten Grenzbeamten noch weiter zu unterstützen. Wir haben uns vorher informiert und wissen, dass das Schmiergeld eigentlich nicht bezahlt werden muss. Meine Nervosität — schliesslich hat der Beamte eben doch alle Karten in der Hand — versuche ich jetzt einfach mal, zu überspielen. Ich sage also mutig: „No.“ Jetzt erst schaut er mich an, leicht irritiert. Er schüttelt den Kopf, gibt mir Pass und Geld zurück, deutet auf eine Ecke hinten im Raum und sagt, ich solle dort warten. Hm, und jetzt?

Ich geselle mich zu einigen anderen Reisenden, die sich ebenfalls weigern, zu bezahlen, und in der Ecke stehen, als müssten sie sich für irgendetwas schämen. Nach ein paar Minuten, als keine Touristen mehr vor dem Schalter stehen, die bemerken könnten, dass wir kein Schmiergeld  rausrücken, dürfen dann auch wir die Ecke wieder verlassen. Ich strecke dem Mann die 30 Dollar hin, er gibt dem Beamten hinter dem Schalter resigniert zu verstehen, dass das alles ist, was sie von mir bekommen, und wenig später halte ich meinen Pass samt Visum wieder in den Händen. Ha, geschafft, denke ich grinsend, stolz und — vor allem — erleichtert. Ganze 3 Dollar gespart!
 

So amüsant beginnt unsere Reise durch Kambodscha, ein Land, das noch viele weitere Emotionen in uns wecken wird.

Die dunkle Seite des Tourismus

An der Tür unseres Zimmers in Siem Reap hängt ein Schild, auf dem steht: Kinderprostitution, -pornographie und Gewalt gegen Kinder werden im Guesthouse nicht toleriert. Ein wenig befremdlich wirkt das auf uns, scheint es doch nötig zu sein, darauf hinzuweisen. Repräsentiert dieses Schild etwa den touristischen Tenor im Land?
Wenig später entdecken wir ein Plakat, das mit dem Schriftzug „Children are not tourist attractions“ auf die Gefahren des sogenannten Weisenhaus-Tourismus hinweist. Eine Art von Tourismus, die uns schon vor dem Besuch Kambodschas widerstrebte, da er den Kindern — natürlich — viel mehr schadet als nützt. Es ist offensichtlich: Wir sind in einem Land, in dem viele Menschen und besonders die Kleinsten und Unschuldigsten unter ihnen schwer zu kämpfen haben. Wenn uns auf der Strasse bettelnde Kinderaugen traurig anschauen, ist es schwer, standhaft zu bleiben und ihnen nicht doch ein paar Hundert Riel zu geben.

Herzliche Begegnungen

Aber es gibt auch die andere Seite von Kambodscha: Noch in keinem Land zuvor wurden wir so oft von lachenden Kindern begrüsst. Wenn wir mit dem Fahrrad durch die kleine Stadt Kompong Chhnang oder durch die Dörfer rund um Kampot fahren, ertönt alle paar Meter eine Kinderstimme, die uns ein „hello“ schenkt. Wir freuen uns, lachen und winken dankbar zurück. Ein kleines Mädchen, das hinter ihrem Vater auf dem Roller sitzt, kichert, als ich ihr beim Vorbeigehen ein „High Five“ gebe. Und die Gruppe von Kindern, denen wir in Battambang eine Packung Popcorn schenken, schreien und posieren wie wild, als sie unsere Kamera sehen. Jedes Foto schauen sie laut lachend an, nur um sich Sekunden später für eine neue Aufnahme erneut in Pose zu werfen. Und es sind nicht nur die Kinder, die uns so freundlich begegnen. Auch von Erwachsenen ernten wir oft ein breites Grinsen und ein nettes Hallo. Solche kleinen Begegnungen, die ganz ohne viele Worte funktionieren, hinterlassen auch bei uns ein Lächeln und einen nachhaltigen Eindruck.

Interkulturelle Beziehungen

In Siem Reap und Phnom Penh sehen wir immer wieder junge Kambodschanerinnen mit westlichen Männern. Unweigerlich stellt sich bei diesem Anblick erst einmal ein Gefühl des Misstrauens ein: Ist das eine „echte“ Beziehung oder einfach nur ein Geschäft? Oder auch: Die arme Frau! Auf der anderen Seite: Trauen wir diesen Frauen doch zu, sich mündig und selbstständig für eine solche Beziehung entscheiden zu können. Auch wenn es am Ende tatsächlich vor allem ein Geschäft sein sollte.
In Kampot erzählt uns die 25-jährige Contia mit leuchtenden Augen von ihrem Freund. Dass er aus England kommt und jetzt in Thailand arbeitet. Dass sie ihn vor ein paar Monaten in der Bar kennengelernt hat, in der sie damals arbeitete. Und dass das Leben hier ohne ihn gar nicht so viel Spass macht. Immer wieder, so sagt sie, haben die beiden aber auch Probleme, sich zu verstehen. Nicht nur der Sprache wegen, auch weil sich die Kulturen und Interessen so unterscheiden. „It just takes time“, seufzt sie. Und sie hat recht. Es braucht Zeit, so ist das in jeder Beziehung.


Hoffnungsvoll in die Zukunft

Die Menschen in Kambodscha haben viel hinter sich. Die Grausamkeiten der roten Khmer, die uns im Tuol Sleng Museum und auf den Killing Fields in Phnom Penh aufwühlen, haben sicher ihre Narben hinterlassen. Die Hauptstadt hat sich noch nicht überall davon erholt, noch immer zeugen bröckelnde, halb verfallene Gebäude von der Zeit, als Phnom Penh dem Untergang Preis gegeben worden war. Aber, so bilden wir uns ein, wir spüren auch Hoffnung, Zuversicht, ein Streben nach einer besseren Zukunft. Wir bewundern, wie die Menschen daran arbeiten, die Greueltaten der Vergangenheit hinter sich zu lassen, und nach vorne blicken. „Built to last“ steht auf einer Parkbank in Phnom Penh, und wir denken uns, ja, es wird wieder aufwärts gehen in Kambodscha. Die Menschen sind fleissig dabei, ein nachhaltiges Morgen aufzubauen.






1 Kommentar:

  1. Wahnsinn diese Gegensätze. So ein Minimum an Komfort und trotzdem freundliches Lächeln und natürlich die gewohnt Korruption. Toll hast du dich durchgesetzt!

    AntwortenLöschen

· Alle Texte und Bilder von Ramona und Samir · © 2014/2015 · Powered by Blogger ·