31. Januar 2015

Mekong, Megacity und Meer

Kontraste dominieren unsere erste Woche in Vietnam: Vom beschaulichen Leben am Mekong geht es ins geschäftige Wirtschaftszentrum des Landes und weiter hinauf in den von riesigen Dünen umrahmten Ferienort am Meer. Schwimmende Märkte, enge Gassen und ein kaputter Roller inklusive.

Der Blick aus dem kleinen Beautysalon geht hinaus in die engen Gassen der Stadt. Während die Vietnamesin Niki meinen Füssen eine Pediküre verpasst und Samir im oberen Stock eine nicht sehr entspannende Massage über sich ergehen lässt, schaue ich dem Treiben draussen zu. Auf niedrigen Plastikhockern sitzen junge Leute und schlürfen Nudelsuppe, an den Garküchen brutzelt es und in regelmässigen Abständen bahnen sich Verkäuferinnen und hupende Roller ihren Weg durch das Gedränge. Im Haus gegenüber unterhalten sich drei Personen in Gebärdensprache — ein bewegender Gegensatz zum Lärm der Stadt.

Wir wohnen in einem der hoch gebauten Häuser irgendwo in den dichten Strassen von Ho Chi Minh City. In den Gassen drängt sich das Leben auf engstem Raum zusammen. Die Menschen wohnen so dicht an dicht, dass sie ihren Nachbarn fast über die Füsse stolpern, wenn sie das Haus verlassen. Privatsphäre scheint ein Fremdwort zu sein. Ein Albtraum für viele Schweizer.
Im Vorbeigehen erhaschen wir ab und zu einen Blick ins Innere der Häuser, die Türen stehen weit offen. Erwachsene und Kinder liegen in den winzigen Wohnzimmern am Boden und starren in den Fernseher. Um sie herum finden der Altar für die Ahnen und oft mehrere Motorräder ihren Platz. Vor den Häusern stehen Verkaufsstände, Kochherde, Tische und Stühle, sodass der Weg, den sich Fussgänger und Motorräder teilen, nicht viel breiter als ein Meter ist. Als wir einmal an einem der kleinen Tische sitzen und gebratene Nudeln essen, prallt der Lenker eines Rollers gegen meinen Ellbogen. Autsch! So eng ist das hier.

Ein Leben mit dem Fluss

Noch vor wenigen Tagen haben wir im Mekong-Delta Geschäftigkeit ganz anderer Art erlebt. Hier bringen Verkäufer auf schwimmenden Märkten ihre Waren an den Mann. Auf dem Grossmarkt Cai Rang decken sich Händler mit Lebensmitteln ein. Hausboote verkaufen grosse Mengen an Melonen, Süsskartoffeln oder Ananas. Die angebotenen Waren sind am Mast aufgehängt, sodass die Käufer sofort wissen, zu welchem Boot sie rudern müssen. In Phong Dien weiter flussaufwärts geht es dann deutlich betriebsamer zu und her: Hier kaufen die Vietnamesen ihre Lebensmittel für den täglichen Gebrauch ein. Mit unserem kleinen Holzboot können wir mitten ins Getümmel hineinfahren und die lebhafte Atmosphäre am frühen Morgen aufsaugen.

Besonders schön wird es dann, als wir auf dem Rückweg in die Kanäle fahren, vorbei an Dörfern, Wäldern und Reisfeldern. Die Menschen wohnen, arbeiten und leben an, von und auf dem Mekong. Häuser treiben auf dem Wasser, Fischer und Verkäufer kommen uns rudernd entgegen. Aus den Pflanzen, die an der Oberfläche zu sehen sind, flechten die Leute Körbe. Eine junge Frau ist gerade dabei, ihre langen schwarzen Haare im Fluss zu waschen, als wir an ihrem Häuschen vorbeituckern. Und von einer älteren Frau ist nur der Kopf zu sehen: Sie tastet unter der Wasseroberfläche nach Muscheln, Schlangen oder was ihr sonst so Essbares in die Finger gerät. Der Mekong „die Mutter aller Wasser“ ist die Lebensgrundlage der Menschen im Delta. Jedes Haus hat eine Anbindung an den Fluss, während die nächste Strasse vielleicht Kilometer weit weg ist.

Viel Sand und gestrandet im Nirgendwo

Weiter nördlich an der Küste in Mui Ne werden wir ein paar Tage später vom viel zu kalten Meer, einem starken Wind und zahlreichen Touristen empfangen. Der Ort ist bei Kitesurfern und russischen Pauschalurlaubern beliebt. Wir bleiben nur kurz, aber doch lang genug, dass uns etwas passieren kann, das irgendwann passieren musste: Auf dem Rückweg von den schönen weissen Dünen macht unser Roller schlapp. Gas geben geht nicht mehr, wahrscheinlich ist der Keilriemen gerissen. Wir rollen so lange wie möglich weiter bergab und bleiben dann stehen, 26 Kilometer vor der Stadt. Den Roller hatten wir am Morgen von einem Typen auf der Strasse gemietet — schliesslich wir mögen es unkompliziert. Dafür kennen wir nun weder seinen Namen noch seine Telefonnummer.

Nach einer kurzen Diskussion mit drei Vietnamesen, die uns auch nicht weiterhelfen können, stellen wir den Roller im Imbiss gegenüber unters Dach. Dort wollen wir ihn stehenlassen. Nicht unser Problem, dass er kaputt ist, denken wir leicht genervt. Immerhin konnten wir von den 24 Stunden, die wir für den Roller (sowieso zu viel) bezahlt haben, gerade mal fünf Stunden nutzen. Unser Problem ist nun vielmehr, dass wir hier irgendwo im Nirgendwo gestrandet sind und die Frau im Imbiss uns nur einen Transport für 400'000 Dong andrehen will. Inzwischen sind wir diese vietnamesische „Verkaufsmentalität“ gewöhnt und lehnen ihr „Angebot“ natürlich ab. Irgendwer wird uns unterwegs schon mitnehmen. Wir schreiben uns die Telefonnummer der Frau auf und marschieren los.

Es dauert nicht lange, bis ein Einheimischer anhält. Wir sagen: „Mui Ne“ und zeigen in die Richtung, in der die Stadt liegt. Er sagt „Xe Buyt“ und hält uns 60'000 Dong hin. Samir steigt darauf ein und eine Weile lang sagen beide Männer abwechslungsweise „Xe Buyt“. Ich bin verwirrt. Natürlich versteht auch Samir kein Wort, aber da der Fahrer in die richtige Richtung deutet, kommen die beiden ins Geschäft. Wir kuscheln uns zu dritt auf den Roller und nach etwa 10 Kilometern wird auch klar, was „Xe Buyt“ heisst: Busstation. Wir zahlen dem Mann seine wohlverdienten drei Franken, steigen in den Bus und freuen uns über dieses kleine Abenteuer.

Ach ja: Den Vermieter unseres Rollers können wir nicht mehr finden. Im Hotel, in dem er angeblich arbeitet, ist er nicht. Immerhin scheint man ihn dort zu kennen. Aber da auch ein Anruf der Rezeptionistin den Herrn nicht dazu bewegen kann, herzukommen, lassen wir schliesslich Schlüssel, Helme und den Zettel mit der Telefonnummer an der Rezeption und machen uns aus dem Staub. Und so wartet der Roller vollgetankt darauf, abgeschleppt zu werden, während wir unsere Weiterreise antreten.






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