8. Februar 2015

Aus dem Grossstadtchaos zum Naturwunder

In Hanoi werden einfache Dinge wie die Strasse überqueren wieder zur Herausforderung. Als Fussgänger müssen wir aufpassen, nicht umgefahren zu werden, und das Hupkonzert in der Altstadt pausiert nur nachts für ein paar Stunden. Hanoi ist verrückt. Einen Kontrast dazu bildet die friedliche Halong-Bucht. Wir mögen beides.

Umringt von jungen Hauptstädtern sitzen wir in Hanoi auf einer Holzbank in Kinderzimmergrösse neben der Strasse und trinken viel zu süssen vietnamesischen Tee. Hunderte hupende Roller brausen an uns vorbei. Im Café hinter uns läuft The Big Lebowski im TV und von rechts kommt ein Sänger mit seinem voll aufgedrehten mobilen Lautsprecher immer näher. Wir beide, mittendrin, lächeln uns an und denken nur: Ist das gemütlich!

So schnell gewöhnt man sich um. Noch vor wenigen Monaten wäre für mich in einer derartigen Geräuschkulisse keinerlei Entspannung möglich gewesen. Heute bemerke ich den Lärm erst, wenn ich mich darauf konzentriere. Und wenn uns jemand sagt, wie hektisch eine Stadt wie Hanoi doch sei, können wir das zwar durchaus verstehen, sind selbst davon jedoch vielmehr fasziniert als gestresst. Wir sind begeistert von all dem Leben in der Stadt, der Dynamik, dem Fluss. Deshalb ist diese Tasse Tee am Strassenrand für uns die perfekte Art, den Tag entspannt ausklingen zu lassen.


Welcome to Motorbike City

Natürlich merken auch wir: Das Hanoi’sche Chaos ist überwältigend. Ein Spaziergang durch die Altstadt ist gleichermassen spannend wie anstrengend. Auf den Strassen herrscht Anarchie: Wer am lautesten hupt, hat Vortritt; Fussgänger sind in der Hierarchie ganz unten angesiedelt und müssen aufpassen, dass sie von den Tausenden von Motorradfahrern nicht angerempelt werden. Denn das Motorrad scheint über allem zu stehen. Selbst in den vielen Strassen, in denen für Autos Fahrverbot gilt, brausen Mofas hupend und oft zu schnell durch. Und es kann alles Mögliche damit transportiert werden: von Pflanzen über riesige Säcke voller Reis bis hin zu Tischen und Stühlen fürs kleine Café. Dass ein herkömmlicher Roller für mehr als zwei Personen Platz bietet, ist sowieso selbstverständlich.

Gutes Essen und neue Freunde

Nachdem ein paar Tage vorher das Zentrum von Hoi An auf uns noch eher wie ein Freilichtmuseum als wie eine authentische Altstadt gewirkt hat, finden wir uns nun in Hanoi in der für uns „asiatischten“ aller Städte wieder. Vielleicht wegen der Nähe zu China, vielleicht wegen dieser unglaublich wuseligen Betriebsamkeit, vielleicht wegen des guten Essens schliesslich finden wir hier mit Bun Bo auch das beste Street Food, das wir bisher hatten.

Wir laufen stundenlang durch die Strassen, ignorieren Verkäuferinnen und Cyclo-Fahrer, bestaunen Antiquitäten und Propagandaposter aus der Zeit Ho Chi Minhs, atmen ein Gemisch aus Abgas, Rauch und dem Duft der Strassenküchen ein und wundern uns darüber, wie viele Geschäfte im Schuhviertel genau dasselbe anbieten, Schuhe eben. 

Bei einem solchen Nachmittagsspaziergang begleitet uns der 23-jährige Vu, der uns zwei Tage zuvor am See angesprochen hat. Schon mehrmals hatten wir, in Hanoi und zuvor in Ho Chi Minh City, simple Konversationen mit Studenten, die ihre Englischkenntnisse verbessern wollten. Da uns Vu aber mehrere Stunden begleitet, kann das Gespräch endlich über die 0815-Fragen nach Hobbys und Beruf hinausgehen. So redet Vu zum Beispiel über den Generationenkonflikt in Vietnams Städten die Jungen und Alten verstehen sich eben auch hierzulande nicht immer. Am Ende gibt er uns die Hand und nennt uns ganz offiziell seine neuen Freunde.

Der Zauber der Halong-Bucht

Für kurze Zeit lassen wir das Chaos der Stadt dann doch hinter uns, als wir eines der sieben Naturwunder besuchen: die Halong-Bucht. Die 1969 Kalkfelsen ragen zum Teil mehrere hundert Meter hoch aus dem Wasser und beherbergen einige riesige Höhlen. Hier verbringen wir zwei zauberhafte Tage auf einem Schiff mit viel zu viel Essen, zwar kaltem aber sonnigem Wetter und netter Gesellschaft. Niemand hupt, niemand rempelt uns an, (fast) niemand will uns etwas verkaufen abgesehen von den Frauen und Mädchen, die sich mit ihren kleinen Bootskiosken ab und zu den grossen Kreuzfahrtschiffen nähern. Die Umgebung ist friedlich und angenehm eintönig. Als die Sonne langsam hinter den hohen Felsen untergeht, sitzen wir fröstelnd an Deck und wissen, dass wir hier gerade, einmal mehr, ein echtes Highlight dieser Reise erleben.

Allein für die Mini-Kreuzfahrt durch die geheimnisvolle Karstlandschaft der Bucht sind wir noch in den Norden gereist. Um ein Haar hätten wir die Vietnamreise nämlich nach ein paar weniger freundlichen Erfahrungen auf der Strecke entlang der Küste verfrüht abgebrochen. Aber der Norden des Landes stimmt uns wieder versöhnlich. Und so sind es schliesslich doch die positiven Erlebnisse, die uns in Erinnerung bleiben. Zum Glück sind wir geblieben!





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