16. Februar 2015

Zuhause bei den schwarzen Hmong

Auf dem Weg nach Laos machen wir Halt in Sapa. Es ist kalt und neblig. Und voll von Menschen, die sich eine Begegnung mit einer Kultur wünschen, die hier in den Bergen Vietnams zuhause ist. Wir machen mit, wandern in ein Bergdorf, besuchen das Haus einer Familie der schwarzen Hmong. Am Ende ist das ein Geschäft, von dem wohl beide Seiten profitieren.

Schon im Nachtzug frieren wir. Die Klimaanlage, die aus einem uns unerfindlichen Grund auf gefühlte zehn Grad eingestellt ist, bläst uns neun Stunden lang an. Und obwohl wir uns mit Kapuzenpulli unter die dicke Decke legen, liefert diese Zugfahrt den Grundstein für eine Erkältung, die mich Tage später in Laos heimsuchen wird.
In Sapa würde es kalt sein, das war uns klar. Hier bedeutet Winter auch wirklich Winter. Da der Ort aber auf unserer Route nach Nordlaos liegt, fahren wir trotzdem hin. Immerhin ist es seit dem letzten Schnee im Januar schon etwas her. Als wir früh morgens ankommen, empfängt uns auch tatsächlich die Sonne. Also schnell frühstücken, Zimmer suchen und raus. Wir wollen wandern.


Wir treten aus unserem Hostel auf die Strasse und lassen uns schon nach wenigen Minuten von Zee ansprechen. Sie gehört zu den schwarzen Hmong, einer Minorität, wie es hier heisst, die in den Bergdörfern im Norden zuhause ist. Ganz Sapa ist voll von den kleinen Frauen in traditionellen Gewändern, die ihr Geld damit verdienen, Touristen in ihre Dörfer zu führen und ihnen ein
vermeintlich authentisches Hmong-Erlebnis zu bieten. Wir lassen uns darauf ein, handeln mit Zee einen Preis aus und marschieren los. Wie zum Zeichen, dass wir für den Tag zu ihr gehören, bindet sie uns geknüpfte Armbänder um.

Magisches Winteridyll

Als wir das touristische Sapa endlich verlassen haben, erklimmen wir einen kleinen Berg und wandern durch eine surreal wirkende Kulisse aus Wald, Felsen und Nebel durch weit verstreut liegende Siedlungen. Hunde und Schweine streunen umher, immer wieder kreuzen wenige Wochen alte Ferkel quiekend unseren Weg. Ab und zu kommt uns eine traditionell gekleidete Frau entgegen, entweder mit einem Baby oder einem vollen geflochtenen Rucksack auf dem Rücken. Wenn da nicht die Roller wären, die sich knatternd und hüpfend ihren Weg durch das felsige Gebiet bahnen, hätte man tatsächlich das Gefühl, irgendwo weit abgelegen unterwegs zu sein.

Wenn sich der Nebel für ein paar Minuten lichtet, gibt er den Blick frei auf die Reisterrassen. Sie sind, wie im Winter üblich, unbepflanzt, braun und matschig. Wir können uns nur vorstellen, wie sie aussehen werden, wenn der Reis gepflanzt und alles in sattem Grün erstrahlen wird. Aber auch jetzt packt uns ihr Anblick. So brach und wild, umrahmt von Nebelschwaden, wirken sie ganz zauberhaft. Eine Atmosphäre wie aus einem Fantasy-Roman.


Zee spricht recht gutes Englisch. Sie stellt uns dieselben Fragen, die wir in Südostasien immer wieder gestellt bekommen. Ob wir verheiratet sind, Kinder haben, wie lange wir uns schon kennen. Brav antworten wir und geben die Fragen an Zee zurück, so wie es vor uns wohl schon etliche Reisende getan haben. Zee hat ein kleines Büchlein dabei, in das wir am Ende etwas über die Tour schreiben sollen. Es ist bereits voll von begeisterten Empfehlungen auf Englisch, Französisch, Spanisch, Deutsch. Zee ist unterhaltsam. Sie versteht es, ihre Kultur und Lebensweise zu Geld zu machen. Irgendwann unterwegs ruft sie mit dem Handy zuhause an, scheint uns bei ihrem Mann anzukündigen, der sich um das Essen kümmern soll.

Tofu, Reis und „happy water“

Fast ein wenig deplaziert fühlen wir uns, als wir im Haus Platz nehmen. Es gibt hier nicht viel: eine kleine Bank für die Besucher, ein Holztisch, zwei Betten für die Touristen, die hier übernachten möchten, ein offenes Feuer, auf dem das Essen in grossen Töpfen gekocht wird. Wir bekommen Reis, Tofu und Wasserspinat vorgesetzt. Das Geschirr ist dreckig und das Essen sehr lecker. Zee hat sich uns gegenüber auf dem einzigen Stuhl niedergelassen, während ihre zwei Kinder schmatzend am Boden sitzen und ihr Mann neben dem Feuer kauert, seine Bambuspfeife raucht und immer mal wieder schüchtern zu uns rüber lächelt. Hier verdient die Frau das Geld, erklärt Zee, der Mann bleibt zuhause und kocht das Essen für die Kinder.

Nach dem Essen bringt sie ihr lange angekündigtes „Happy Water“. Vietnamesischer Reisschnaps. Auch die kleinen Tässchen sind dreckig. Was soll’s, der Schnaps wird schon desinfizieren. Und Zee schenkt zu Sicherheit noch zweimal nach. Bei der anschliessenden Verkaufspräsentation von selbstgemachtem Schmuck, gewebten Taschen und mysteriöser „Medizin“ wird endgültig klar: Das alles ist vor allem eines, nämlich Big Business. Wer kann es ihr verdenken? Wir trinken aus, schreiben lächelnd eine Empfehlung in Zees kleines Buch und lassen uns
ganz pragmatisch mit dem Roller zurückfahren.

Im Minibus der Kälte entfliehen

Die Nacht ist eiskalt und am nächsten Tag ist der Nebel überall. Die andere Strassenseite ist im Dunst nicht zu erkennen und nach fünf Minuten draussen sind wir durchnässt. Wir ziehen um in ein teureres Zimmer mit Heizung. Und verlassen es nur zum Essen wieder. Schliesslich quetschen wir uns tags darauf sogar gern in den überfüllten Minibus, der uns in endlos erscheinenden neun Stunden an die Grenze bringen wird, während sich der Mann hinter uns in regelmässigen Abständen übergibt, weil er die vielen Kurven nicht zu vertragen scheint. Hauptsache wir kommen weg von der Kälte.



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