31. März 2015

435 Kilometer auf zwei Rädern

Genau genommen sind es vier Räder, denn wir haben je einen eigenen Roller. Wir wollen beide selbst fahren, selbst die Strassen in der Bergwelt der Provinz Khammouan spüren. Wir sind dort unterwegs, wo keine Busse hinkommen, und bekommen so zum Abschluss eine andere Seite von Laos zu Gesicht.

Gerade noch rechtzeitig: Wir bekommen die letzten zwei Hondas mit Automatikgetriebe und breiten Reifen. Wer später bei Wang Wang auftaucht, muss mit einer alten, chinesischen Maschine Vorlieb nehmen. Die kosten zwar nur die Hälfte, was in diesem Fall jedoch gleichzusetzen ist mit mehr Spritverbrauch und weniger Sicherheit für die kommenden 400 Kilometer Fahrt. Sicherheit ist auch Thema, als ich einen Blick ins Regal mit den Helmen werfe. Kaputt, versifft oder beides zusammen steht zur Auswahl. Ich habe nicht viel Hoffnung, als ich bei der Dame von der Vermietung nach einem trockenen, sauberen, intakten Exemplar frage. Die Überraschung: 20 Minuten später kommt ihre Mitarbeiterin mit zwei neuen, originalverpackten Helmen für uns zurück. Ich atme auf. So haben wir wenigstens eine neuwertige Illusion von Schutz auf unserem Kopf frei von Gerüchen und Haaren der zehn Vorgänger.

 

Tag 1: Thakhek-Ban Thalang

Es geht los. Die Strassen sind gut. Asphalt. Weit entfernt von abenteuerlich. Ich bin nicht ganz unglücklich darüber, schliesslich ist es erst das zweite Mal, das ich selbst einen Roller fahre. Die Kulisse für die Fahrt ist typisch laotisch: Links und rechts erheben sich die Karstberge, zwischen den Dörfern unterwegs kommt immer wieder lange nichts ausser Natur. Nach einem kurzen Stopp in einem Strassenrestaurant, in dem wir das einzige bestellen, das wir auf Laotisch aussprechen können, Nudelsuppe nämlich, erreichen wir bald die NTPC Power Station. Chinesische Investoren verbauen die laotischen Gewässer fleissig. Wahrscheinlich ist auch die Strasse wegen des Staudamms so gut ausgebaut. Ab hier wird sie kurvig und steil. Und der Spassfaktor für uns steigt.


Die Nacht verbringen wir in Ban Thalang im günstigsten Bungalow unserer bisherigen Reise. Das Dorf wirkt verschlafen. Ein paar Männer sitzen am Fluss, eine Gruppe hört laute Musik und trinkt Bier. Abends macht der Besitzer unseres Guesthouses ein Feuer im Innenhof. Es gibt Huhn, Pommes und Gemüse vom Grill und dazu die schöne Erinnerung an Grillabende auf unserem ehemaligen Balkon im letzten Sommer.

Tag 2: Ban Thalang-Ban Kong Lo

Ein paar Kilometer ausserhalb Thalangs kommt das Abenteuer dann doch. Der Asphalt endet abrupt, wird abgelöst von Staub, Dreck und Steinen. Ein Teil der Strecke ist schwierig zu fahren, steil und sandig. Ab und zu kommen wir durch kleine Siedlungen. Auf den Strassen, Dächern, Fahrzeugen, ja sogar auf den Bäumen liegt jeweils ein dünner Film aus Staub. Alles ist überzogen von dieser hellbraunen Farbe, die man nur an Orten findet, an denen die Natur noch nicht vom Fortschritt eingeholt worden ist.

Fast genau so unvermittelt, wie die Staubpiste begonnen hat, endet sie wieder. Plötzlich sind wir zurück auf der geteerten Strasse, zurück in der „Zivilisation“. Im trostlos wirkenden Lak Xao tanken wir auf. Und irgendwie schaffen wir es, uns zu verlieren. Auf einmal stehe ich allein da, bin kurz beunruhigt, bis ich realisiere, dass wir uns schon wieder finden werden. Ich bin einmal mehr froh, nicht allein hier zu sein. Zweisamkeit sorgt nicht nur für geteilte Erinnerungen, sondern auch für Sicherheit und Komfort, besonders so weit abseits der ausgetretenen Pfade, so allein im Nirgendwo.

Nach einiger Zeit halten wir auf der Theun-Brücke im Dorf Tha Bak. Unter uns im Fluss treiben Boote aus CBU-Bomben (Cluster Bomb Units). Sie erinnern uns wieder an die tragische Bombardierung des Landes und zeigen gleichzeitig die Kreativität der Laoten. Nicht nur als Boote, sondern auch als Futtertröge und als Baumaterial für Häuser setzen sie die Bombenhülsen ein.

Tag 3: Tham Kong Lo

Am nächsten Morgen lassen wir uns von der Tham Kong Lo verzaubern. Von ihrer imposanten Grösse, ihrer fast weltentrückten Schönheit. Wir sind früh da und gehören zu den ersten Touristen, die in einem der motorisierten Kanus in die dunklen Hallen der riesigen Höhle gefahren werden. Unser Fahrer scannt mit seiner Taschenlampe permanent die Umgebung. Der Wasserpegel ist jetzt in der Trockenzeit niedrig und immer wieder müssen wir aussteigen, ein paar Schritte durch das kühle Wasser waten und das Boot über Kieselbänke schieben. Als wir bei einer kleinen Stromschnelle ankommen, müssen wir es an Seilen gegen die Strömung hoch ziehen.

Bei einem unterirdischen Sandstrand lässt uns unser Kapitän raus, ab hier kann ein Teil der über 6 Kilometer langen Höhle zu Fuss erkundet werden. Wir klettern über rutschige Steine. Links und rechts von uns heben sich meterhohe, hübsch beleuchtete Stalakmiten und Stalaktiten von der Dunkelheit ab. Diese märchenhafte Schönheit, welche die Natur im Laufe vieler Millionen Jahre hier erschaffen hat, ist schwer zu fassen.


Dieser Tag Tag 3 unserer Rollertour wird einer unserer Lieblingstage der Südostasienreise bleiben. Denn wir erleben die Natur so intensiv und friedlich wie selten. Nachmittags schlendern wir durch das Dorf Kong Lo, wandern durch den Phou Hin Boun Nationalpark. Wir reden nicht viel. Beide hängen wir unseren Gedanken nach, geniessen die vollkommene Ruhe um uns herum. Die Zeit scheint in Laos langsamer zu laufen als anderswo. Sie lässt damit viel Raum für geistige Spaziergänge.

Tag 4: Ban Kong Lo-Thakhek

Eine schier endlos lange, flache, gerade Strecke wartet am vierten und letzten Tag auf uns. Als sich der Regen, der uns schon zwei Tage zuvor kurz überrascht hat, wieder ankündigt, verabschieden wir uns von der friedvollen Idylle Kong Los und düsen los, den schweren Tropfen davon. Samir holt auf der Geraden alles aus seiner Honda, verschwindet streckenweise mit 90 km/h hinter der Kurve und muss doch immer wieder warten, bis ich ihn eingeholt habe. Irgendwann wollen wir tatsächlich auch nur noch ankommen. Wir haben Hunger, der Hintern tut weh und wir könnten eine Dusche vertragen. So freuen wir uns, als es soweit ist und sich Thakhek in der Ferne abzeichnet. Und sind gleichzeitig traurig. Denn ein weiteres schönes Kapitel Laos geht zu Ende.





Kommentare:

  1. Sehr cooler Post. Cool, dass ihr das gemacht habt :)

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    1. Hi Sabrina, vielen Dank! War tatsächlich eine coole Erfahrung! :)

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  2. Ich kann mich nur anschließen. Eine sehr schöne Tour die auf jeden Fall Lust macht!

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    1. Ja, wir können die Tour auf jeden Fall weiterempfehlen. Also, wenn es sich ergibt und du mal in der Gegend um Thakhek in Laos bist... :-)

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