4. März 2015

Wir hören dem Reis zu

In dem Moment, als wir die ersten Schritte auf laotischem Boden machen, ist uns klar: Hier ist es anders. Ruhiger. Gemächlicher. Entspannter. Und genauso wird es bleiben bei unserer Reise von Nord nach Süd durch ein Land, über das wir so wenig wussten und das dennoch schon lange eine fast magische Anziehung auf uns ausübte.

Unser letzter Tag in Vietnam beginnt früh und anstrengend. Als wir kurz vor sechs zur Busstation in Dien Bien Phu kommen, sind wir bereits zu spät dran: Alle Sitze sind belegt. Das hält die Vietnamesen natürlich nicht davon ab, noch mindestens sechs weitere Reisende in den Minibus zu quetschen. Während ich versuche, mich auf einem aufgeklappten Reservesitz mit ungelogen höchstens zehn Zentimetern Beinfreiheit und einem übelriechenden Brasilianer als Nachbarn für die nächsten Stunden so bequem wie möglich einzurichten, darf sich Samir ganz vorne auf ein schiefes Kissen auf den Boden setzen. Mit ebenso wenig Beinfreiheit aber hinter einer Laotin, die seine Knie kurzerhand als Rückenlehne einsetzt. Irgendwie ist das alles obwohl unglaublich unbequem wie immer wahnsinnig amüsant.

In Ruhe ankommen

An der Grenze dann ein erster Sonnenstrahl: Der laotische Beamte hinter der Glasscheibe lächelt mich an, als ich ihm die Pässe überreiche. Ach, schön. Lasst uns bloss schnell rein in dieses Land! Dann, als wir den Minibus in Muang Khua endlich verlassen dürfen, ein weiteres Bild, das wir schon lange nicht mehr gesehen haben: Kein einziger Tuktuk- oder Taxifahrer schreit uns an. Tatsächlich scheint es absolut niemanden zu interessieren, dass eben ein paar weisse Touristen mit Rucksäcken angekommen sind. Die wenigen Menschen, die wir auf den staubigen Strassen sehen, lassen sich nicht stören beim Reden, Essen, Schlafen, Arbeiten. Auch später auf dem Markt, wo wir uns mit einer Nudelsuppe stärken, geht es entspannt zu und her. Es gibt da dieses Sprichwort: „Die Vietnamesen pflanzen den Reis, die Kambodschaner schauen ihm beim Wachsen zu und die Laoten lauschen, wie er wächst.“ Schon nach einem halben Tag in Laos wissen wir, was das bedeutet. Und wir freuen uns, nun für ein paar Wochen auch einfach mal zuzuhören.


Per Boot gen Süden

Unseren Plan, als erstes weiter in den Norden zu reisen, ändern wir spontan zu sehr spüren wir noch die Kälte Sapas in den Knochen. Stattdessen geht es nach Süden, langsam, wie es die Laoten vormachen. Die Etappe nach Nong Kiao legen wir auf dem Nam Ou zurück laut Reiseführer eine der schönsten Bootsstrecken des Landes. Und schön wird es tatsächlich. Fast sechs Stunden sitzen wir auf der Holzbank im kleinen Boot und fahren auf dem türkisblauen Fluss vorbei an Felsen, Bergen, Bäumen, Menschen und Tieren. Kinder, die im Wasser spielen, und Frauen, die sich waschen, Büffel und Kühe, die sich im Fluss eine Abkühlung genehmigen, Schweine, die an Sandstränden ihre Ferkel säugen. Die Idylle ist perfekt.
Eingebettet in die pittoreske Umgebung liegt das Dorf Nong Kiao. Für uns der ideale Ausgangspunkt, um ein paar aktive Tage in der Natur zu verbringen.

Nong Kiao: Outdoorparadies im Norden

Der Pfad zum Aussichtspunkt auf dem Berg führt durch einen Zauberwald mit magisch verwickelten Ästen und Wurzeln. Er ist steil und erinnert mich an eine Wanderung, die wir vor kurzem noch in Davos gemacht haben. Nur spüren wir statt der Höhe heute vielmehr die tropische Feuchtigkeit. Der Blick von oben hinunter auf Nong Kiao auf der einen und Muang Ngoi auf der anderen Seite, gerahmt von Bergen und dem ruhig dahinfliessenden Nam Ou, entschädigt allemal für die Strapazen. Auf dem Weg nach unten kommt uns ein Paar entgegen, laut schnaufend und rot im Gesicht. Ja, leider, es ist noch weit bis ganz nach oben. Wir atmen durch: Ganz so schlecht ist es um unsere Kondition also nicht bestellt.

Auf der Kajaktour unterstützt uns dann die Strömung beim Paddeln. Nur einmal verlieren wir den Kampf gegen die Stromschnellen und landen für kurze Zeit im kühlen Nass. Und schliesslich, bei einem Ausflug mit dem Mountainbike, passiert es: Ich stürze. Genauer: Ich fliege über das Mountainbike nach vorn einen steilen Weg runter und lande auf der linken Schulter. Ach so, die Vorderbremse soll man also nicht so stark drücken? Ich habe Glück, nichts passiert, die paar Schrammen sind bald verheilt. Nur das mit dem Downhill-Biken sollte ich mir vielleicht nochmals überlegen.

 

Luang Prabang: das Juwel unter den Städten

Ein paar Tage später sind wir in Luang Prabang, der Tempelstadt, dem spirituellen Zentrum Laos’. Die Stadt der Pagoden. Auf einem Spaziergang lässt sich alle paar Meter Ruhe in einem der Dutzenden von Tempeln finden. Noch mehr Ruhe, denn die Stadt ist noch immer, trotz der Vielzahl von Touristen, äusserst beschaulich. Noch heute leben, beten und arbeiten in den Wats die Mönche und Novizen. Die orange Farbe ihrer Kutten prägt Luang Prabang ebenso wie die Pagoden und der Mekong, der im Norden mit dem Nam Khan zusammenfliesst.

Manchmal wundern wir uns darüber, wie sich die westlichen Besucher in der Stadt verhalten. Da ist die Frau, die ihrem Mann von der Bambusbrücke her hysterisch zuwinkt, damit er ein Bild von ihr schiesst, wie sie hinter der Gruppe von Mönchen hergeht. Oder der Mann, der hektisch die Strasse runter rennt, seine Spiegelreflexkamera um den Hals, um ein paar jungen Novizen den Weg abzuschneiden. Wie diese Touristen beim morgendlichen Almosengang den Mönchen begegnen, wollen wir gar nicht erst wissen. Die orangegekleideten Männer selbst bleiben stets ruhig. Sie scheinen, ganz im Sinne des Buddhismus, Nachsicht und Gleichmut perfektioniert zu haben.

Phonsavan: mysteriöse Steinkrüge

Wir ziehen weiter. Über viele Kurven, auf denen es unserer Sitznachbarin und ihrer kleinen Tochter permanent schlecht ist, geht es nach Phonsavan. Zur Ebene der Tonkrüge die so heisst, obwohl die Krüge nicht aus Ton sind. Auch weiss niemand so ganz genau, was es mit den riesigen Monolithen, die in der Region verstreut sind, als wären sie zufällig dort liegen geblieben, auf sich hat. Wahrscheinlich waren sie einst, vor 2000 Jahren, als Urnen verwendet worden.

Wir wandern eine Stunde über den Hügel von Stätte 2 zu Stätte 3 und werden dabei ein weiteres Mal mit einem traurigen Kapitel südostasiatischer Geschichte konfrontiert: Wir müssen innerhalb der markierten Flächen bleiben, denn nur diese sind restlos von den Bomben geräumt, welche die Amerikaner in den 70er-Jahren im Verlauf des „geheimen Kriegs“ über Laos abgeworfen haben. Insgesamt waren es 260 Millionen Bomben, von denen die meisten eben hier in der Provinz Xieng Khouang landeten. Noch heute liegen rund 8 Millionen davon unexplodiert in dem Gebiet herum, viele Orte sind deshalb nicht zugänglich. Gemessen an der Bevölkerungszahl ist Laos
und das wissen in Europa viel zu wenige damit bis heute das meistbombardierte Land der Welt.

An Stätte 3 sind wir komplett allein. Gepaart mit der mysteriösen Herkunft und Bedeutung der Krüge verleiht das dem Ort eine magische Anziehungskraft. Vielleicht wird das Gebiet von der UNESCO bald zum Welterbe erklärt. Aber bis es soweit ist, lässt sich dieser besondere Ort noch in absoluter Ruhe geniessen.
 

Kommentare:

  1. Wusste das wirklich nicht, dass so viele Bomben über Laos abgeworfen wurden. Schade um das schöne beschauliche Land.
    Die Steinkrüge errinnern mich an Südfrankreich. Bei einer Wanderung in ein verfallenes Kloster auf einem Berg waren auch so grosse Steinkürge. Ich hatte mich sogar in einem versteckt. Soviel ich weiss, wurden diese Krüge als Vorratskeller benutzt. Vielleicht war es hier für den selben Zweck?

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    1. Ja, es ist sehr traurig. Und viele wissen nichts davon, daher der Name "der geheime Krieg".

      Bei den Steinkrügen geht man tatsächlich davon aus, dass sie einst Urnen waren bzw. für die Kremation von Verstorbenen dienten. Man hat darin wohl Knochen gefunden.

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