17. April 2015

Einsicht in der Stille

Unsere Reise ist dazu da, Neues auszuprobieren und dazuzulernen. Darüber waren wir uns immer einig. Unsere Zeit in Südostasien mit einer Woche Meditieren in einem thailändischen Kloster abzuschliessen, fanden wir deshalb eine spannende Idee. Wie einschneidend dieses Experiment sein würde, war uns anfangs beiden nicht bewusst.

Was soll ich nun machen? Es ist kurz nach halb fünf Uhr. Morgens. Draussen ist es noch dunkel und nur ganz vorn neben der Statue des Buddha erhellen ein paar Kerzen den Saal. Ich sitze im Schneidersitz auf dem Boden und fühle mich verloren. Die knapp 60 Menschen um mich herum geben keinen Ton von sich. Nur von unten aus dem Dorf sind noch die dröhnenden Bässe der Partynacht zu hören. Wir sind auf Koh Phangan, auf der Insel der Vollmondparty, auf der auch bei Halbmond, Leermond und in fast allen anderen Nächten gefeiert wird. Nur nicht im Kloster auf dem Berg. Hier wird meditiert.

Als der Klang des Gongs mich um vier Uhr aus dem spartanischen Bett trieb, war ich sofort hellwach. Neugierig und bereit. Und jetzt sitze ich hier und weiss nicht, was ich tun soll. Als Anthony mit seinen grossen, langsamen Schritten vorsichtig zwischen den am Boden verteilten Kissen nach vorne ging, hoffte ich noch, er würde es mir sagen. Aber er hat nichts gesagt. Er sitzt nur da, hat die Augen geschlossen, bewegt sich nicht. Die folgenden 45 Minuten dauern eine Ewigkeit.

Rückzug in den Dschungel

Gestern Abend haben wir unsere letzten Worte gesprochen. Seitdem und für die nächsten acht Tage sind wir still, reden nicht, kommunizieren nicht. Wir haben uns zur Ruhe verpflichtet. Schliesslich ist das hier ein Silent Retreat, ein stummer Rückzug aus der lauten Welt mit ihren grellen Eindrücken. Unser einziger Gesprächspartner wird unser inneres Selbst sein, wenn wir in uns hineinschauen. Wir lernen Vipassana bhavana: Einsichtsmeditation. Warum? „So we can see things as they really are“, sagt Anthony.

Als wir vorgestern im Wat Kow Tahm ankamen, um uns anzumelden, war nicht sicher, ob wir noch einen Platz bekommen würden. Denn Retreats wie dieses erfreuen sich in unserer schnellebigen Zeit grosser Beliebtheit, Achtsamkeit, kostbar und rar wie sie ist, hat sich zum Zufluchtsort vieler entwickelt. Ich hingegen spürte nun kurz einen Anflug von Erleichterung, wollte schon umkehren. Tags zuvor hatten mich nämlich Skepsis und leichte Panik heimgesucht, und dass ich jetzt doch hier stand, lag vor allem daran, dass Samir die Sache so vorangetrieben hatte. Denn ganz ehrlich: Auf einem Holzbrett schlafen, mitten in der Nacht aufstehen und nach zwölf Uhr mittags nichts mehr essen? Sieben Tage lang nicht reden, stundenlang im Schneidersitz auf dem Boden sitzen und meditieren? In einem buddhistischen Kloster? Bei der Hitze?
 

Beim ersten Anblick meines Zimmers musste ich den Fluchtreflex erneut unterdrücken. Ein kleiner Raum mit einer harten Matte aus Schaumstoff auf dem Boden und riesigen Spalten im Holz, durch die bei Dunkelheit allerlei Dschungelgetier reinkrabbeln würde, sollte für die nächsten acht Nächte mein Zuhause sein. Tatsächlich würden sich im Laufe der Woche nicht nur Kakerlaken, sondern auch Taranteln und Skorpione ihren Weg durch diese Spalten bahnen. Trost und Schutz vor den Krabbeltierchen fand ich nur in meinem riesigen Moskitonetz. An diesem Tag wusste ich noch nicht, dass das Zimmer mein gemütliches kleines Refugium werden würde, in das ich Abend für Abend gern zurückkehren sollte. Dass die Stille keine Einschränkung sondern vielmehr Leichtigkeit und Freiheit mit sich bringen würde. Und dass ich acht Tage später am liebsten gar nicht mehr weg ginge.

Achtsamkeit und Bewusstheit

Der Stundenplan im Wat Kow Tahm ist straff. Die Tage dauern von vier Uhr morgens bis um neun Uhr abends. Sie sind gefüllt mit Sitz- und Gehmeditation, je einer Stunde Yoga und zwei Stunden Dhamma Talk. In diesen zwei Stunden spricht Anthony über das Satipatthana, die Vergegenwärtigung der Achtsamkeit, und seine Bedeutung im Leben. Und er gibt uns ganz praktische Tipps für die Entwicklung eben dieser Achtsamkeit und unsere eigene Meditationspraxis. Damit auch ich nicht mehr so verloren dasitzen muss wie am ersten Morgen.

Anthony verliess als junger Mann sein Zuhause in Melbourne, lebte viele Jahre als Mönch in thailändischen und burmesischen Klostern, und hat Pali, die Sakralsprache des Buddhismus, studiert. Er redet langsam und deutlich, macht Witze und freut sich, wenn er uns damit zum Lachen bringen kann. Wenn er meditiert, bewegt er seinen Kopf ganz leicht hin und her und hat so ein seliges Lächeln auf den Lippen, das mich misstrauisch macht. Macht der hier auf erleuchtet, oder was? Viele Satzfragmente wiederholt er unzählige Male und geht mir damit unglaublich auf die Nerven. „Wenn der noch einmal ‚present moment’ oder ‚This is not me, this I am not, this is not myself’ sagt, dann muss ich hier raus“, denke ich zu Beginn mehr als einmal. Bis ich schliesslich nach ein paar Tagen die Bedeutung seiner Worte verstehe.

Anthony strahlt eine Ruhe aus, die mit der Zeit auf uns alle im Saal übergreift. Nach dem Ende des Retreats erfahre ich, dass er teilweise nicht mehr als eine Stunde pro Nacht geschlafen hat. Woher seine Energie kommt, wie er trotzdem so viel Eindringlichkeit und Lebensmut ausstrahlen kann, bleibt ein Rätsel.


„Einfach“ loslassen

Es ist Tag 3. Die Schmerzen aus meinen Schultern sind inzwischen ins Kreuz gewandert und buhlen nun von dort aus gemeinsam mit dem tauben Gefühl in meinen Beinen um meine Aufmerksamkeit. Es gibt wahrscheinlich keine Position, die ich in den vielen Stunden Sitzmeditation noch nicht ausprobiert habe. Die Schmerzen kommen immer zurück, früher oder später. Ich bemerke, dass ein paar Reihen links vor mir auch Samir mit seiner Haltung zu kämpfen hat. Wir haben seit drei Tagen kein Wort miteinander gewechselt, weder Berührungen noch Blicke ausgetauscht, uns nur manchmal im Vorbeigehen kurz wahrgenommen. Hier ist jeder allein unterwegs.

Doch nicht nur mein Körper ist rastlos, auch mein Geist kommt nicht zur Ruhe. Immer wieder schweifen meine Gedanken ab, wandern in die Zukunft oder wollen es sich in einer Erinnerung bequem machen. Langeweile, Skepsis, Erwartungsdruck, Nervosität, Müdigkeit, Ungeduld und Anspannung wechseln sich ab. Sie machen es mir schwer, mich zu konzentrieren.

„Note it, know it and let it go“, lautet eines der Mantras, die Anthony wieder und wieder vor sich hin betet. Heisst: Wann immer eine körperliche oder mentale Empfindung auftaucht, sollen wir sie zur Kenntnis nehmen, verstehen und schliesslich loslassen. Das ist leichter gesagt, als getan, und gelingt mir denn auch die meiste Zeit nicht. Dann tut mir mein Körper weh. Dann zweifle ich, bin aufgewühlt und genervt. Und dann funktioniert die ganze Sache mit der Meditation eben nicht. 

So wie heute, am dritten Tag. Zu viele Fragen beschäftigen mich. Wenn ich alle Empfindungen loslassen soll, wo bleiben dann Freude und Glück? Wie sind Zukunftspläne, Erinnerungen, Phantasien und Tagträume vereinbar mit der Idee des stetig bewussten Erlebens? Ich stelle Anthony die Fragen später am Nachmittag auf seiner Terrasse. In den einzigen 15 Minuten, in denen ich diese Woche spreche. Und wie selbstverständlich hat Anthony die Antworten die Fragen hat er alle schon gehört. Als ich gehe, sind Zweifel und Sorgen zerstreut, Gelassenheit und Heiterkeit sind an ihre Stelle getreten. Und mit dem Meditieren geht es plötzlich besser.

Die Macht der Emotionen

Manchmal schaffe ich es, so vollkommen im Hier und Jetzt im ‚present moment’ eben anzukommen, dass sämtliche Gedankenspaziergänge verunmöglicht werden. Dann stehen weder körperliche Empfindungen noch negative mentale Zustände wie Skepsis oder Ruhelosigkeit zwischen mir und der Meditation. Am vierten Tag beobachte ich den stechenden Schmerz in meinem Rücken, bis ich ihn nicht mehr spüre und selbst darüber erstaunt bin. Und am Abend von Tag 5 vertiefe ich mich so sehr in die Meditation, dass in meinem Körper der Eindruck entsteht, er würde schweben. Nur kurz bleibt dieses Gefühl, vielleicht ein paar Minuten, und es kommt danach auch nicht mehr zurück. Aber es lässt eine vollkommen neue, mir bisher unbekannte Art von innerer Ruhe in mir zurück.

Nur wenige Tage zuvor hatte ich mich noch von einer ganz anderen Emotion überwältigen lassen, einer, die nun, rückblickend, an Absurdität fast nicht zu übertreffen ist. Als ich am Vormittag die Steinplatten neben dem Tempel erreiche, auf denen ich jeden Tag meine Gehmeditation mache, geht genau dort bereits eine andere Frau langsam auf und ab. An meinem Platz! Ich ertappe mich dabei, wie ich genervt reagiere, wie ich gar automatisch sauer werde. Die Frau wäre mir eigentlich, unter normalen Umständen, sehr sympathisch. Aber das war doch immer mein Platz!
Der Vorfall irritiert mich und wirft seine Schatten auf den ganzen Tag. Später erzählt eine junge Amerikanerin genau dieselbe Geschichte und wir lachen. Schliesslich kennen wir das doch alle: Wir reagieren im Affekt in einer bestimmten Art und Weise auf eine Situation und werden uns erst später bewusst, wie irrational und ichbezogen unser Denken dabei war.

Natürlich fliessen bei einigen auch Tränen. Die ganze Woche ist intensiv und emotional anstrengend. Wir verbringen viel Zeit mit uns selbst, einige stossen dabei an ihre Grenzen. Anthony sagt, Tränen seien nicht mehr als der Ausdruck eines mentalen Zustands, den wir schlicht nur zur Kenntnis nehmen sollen, anstatt uns mit ihm zu identifizieren. Let it go! Gefühle und Empfindungen sind da. Wut, Trauer, Ablehnung existieren unabhängig von unserem Willen. Entscheidend ist, und das wird in dieser Woche ein für allemal klar, wie wir darauf reagieren.

Und am Ende: ein neue Perspektive

Vipassana-Meditation ist nicht an eine Religion oder Kultur gebunden. So sind die Menschen, mit denen wir diese Woche verbringen, denn auch bunt zusammengewürfelt; sie kommen aus den USA, aus Kolumbien, Österreich, Singapur, Estland oder Sibirien. Die Stille ist, was uns verbindet, und nie zuvor war ich in einem Umfeld, in dem so viele Menschen so respektvoll weil achtsam und bewusst miteinander umgingen. Es ist spannend: Ohne dass Worte gewechselt werden, entsteht in unserer Gruppe ein Gefühl von Zusammengehörigkeit, und zu einzelnen Personen knüpfe ich eine lautlose Verbindung.

Natürlich ist der Buddha mit seinen Lehren präsent immerhin befinden wir uns in einem thailändischen Kloster. Er findet Ausdruck in der Anwesenheit der immer lächelnden Nonnen und Mönche, in den Tempeln, Statuen und Gebetsstätten, in Anthonys Vorträgen und im allabendlichen Chanting auf Pali, das durchaus bei einigen ein starkes Unbehagen auslöst. Damit erfahren wir viel über die Denkhaltung in den Ländern, die wir in den letzten Monaten bereist haben. Gleichzeitig kommen wir uns selbst näher. Wir lernen, mit Schmerzen, Langeweile und Erwartungsdruck umzugehen. Und schliesslich erarbeiten wir uns auch eine neue Perspektive, die es nun, im normalen Leben, in dem uns unzählige positive wie negative Sinneseindrücke fast pausenlos ablenken, zu erhalten gilt. Kritische Fragen haben wir nach wie vor, vielleicht sogar mehr als vorher wie das auf Reisen so oft der Fall ist.

Auf einem Bild auf dem Gelände des Wat Kow Tahm steht: „Oh boundless joy to find at last there is no happiness in this world.“ So unfassbar traurig mich dieser Satz stimmte, als ich ihn zu Beginn der Woche zum ersten Mal las, so wunderbar finde ich ihn heute. Eine Woche kann unser Denken verändern. Ja, das ist furchtbar kitschig und hätte mich noch vor kurzem dazu gebracht, die Augen zu verdrehen. Aber es ist auch wahr.

Und jetzt ab nach Hongkong. Ins laute Chaos der Grossstadt.


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