21. Mai 2015

Panama – Kolumbien einfach: Abenteuer auf hoher See

Nie war die Überfahrt in ein neues Land abenteuerlicher, nie aufregender, entspannender, spektakulärer und nervenaufreibender als diese. Von Panama reisen wir per Boot über San Blas nach Kolumbien. Dank Sandstränden wie aus dem Bilderbuch sind selbst Seekrankheit und eine stinkende Koje heute nur mehr ein fahles Rauschen in unserer Erinnerung.

Schon als ich aufwache, ist mir schlecht. Ich hatte an Deck an der frischen Luft geschlafen und mich erst in die stickige Koje gelegt, als Kapitän Viktor die Amande frühmorgens zum Ablegen klarmachte. Klar für die zweitägige Überfahrt nach Cartagena. Im Halbschlaf habe ich vergessen, eine Tablette gegen Übelkeit einzuwerfen. Und als ich nun aufwache, haben wir die Inseln bereits hinter uns gelassen, der Wellengang ist stark, der Boden schwankt und mir ist schlecht.

Ich kämpfe mich nach oben und lasse mich im Cockpit neben zwei Leidensgenossinnen nieder. Beide haben einen schwarzen Eimer auf dem Schoss und es dauert nicht lange, bis ich es ihnen gleichtue. Alles um mich herum bewegt sich und ich fühle mich schlechter als bei der letzten Magen-Darm-Grippe. Ich könnte heulen. Verdammt, sollte die Sache hier nicht eigentlich Spass machen? Sind wir nicht extra wegen dieses Trips nach Panama geflogen? 

Gestern Abend haben wir noch fröhlich am Strand meinen Geburtstag gefeiert. Der Rum, der dabei geflossen ist, scheint sich nun mit den Wellen gegen uns verbündet zu haben. Laura neben mir flüstert mir zu, sie müsste doch eigentlich dringend aufs Klo. Aber sie bleibt sitzen. Ich nicke, weiss genau, wie es ihr geht. Auch meine Blase drückt. Aber da runter in einen der zwei engen Räume mit den Toiletten? Schon beim Gedanken daran, dreht sich mein Magen erneut um.
Ab und zu kommt jemand die kleine Treppe hinauf ins Cockpit. Die meisten sehen blass aus, nur zwei oder drei scheinen seefest zu sein oder haben ihre Tabletten früh genug genommen. Irgendwann
ich hatte die Hoffnung schon fast aufgegeben wirken dann auch bei mir die drei Pillen, die ich in den letzten Stunden genommen habe, und ich schlafe ein. In unserer feuchten, heissen Koje im Bug.

Karibikträume

Die ersten drei Tage des Trips waren wunderschön. Traumhaft. Wie in einem Reiseprospekt haben wir uns gefühlt. Sonne, das glitzernde Meer, weisse Strände und Kokospalmen: Die Inseln von San Blas sind genau so, wie man sich ein karibisches Archipel vorstellt. Hier werden die Fotos geschossen, die auf der anderen Seite der Erde auf Postern die Sehnsucht nach der Karibik schüren. Und wir, auf einer Segelyacht, mitten drin. Die Tage waren gefüllt mit Sonnenbaden, Schnorcheln, Schwimmen, Relaxen, Lesen und Unterhaltungen mit neuen Freunden. Ein Gefühl von Freiheit und Leichtigkeit begleitete uns von Ankerplatz zu Ankerplatz und ich wusste ganz genau, was so toll am Segeln ist.


Einmal besuchen wir ein Dorf im Archipel, dürfen bei einem Spaziergang einen kurzen, oberflächlichen Blick ins Leben der 500 Kunas in Río Azúcar werfen. Gehen vorbei an ihren Holzhäusern und Gärten. An der Schule, der Kirche und dem Spital, das die USA dem Dorf gespendet hat. An dem einzigen Restaurant, das heute geschlossen ist und den heiteren Namen Mi Gorda Bella meine dicke Schöne trägt. An den zwei Telefonkabinen, die einst die ganze Insel mit dem Festland verbunden hatten, damals, als es hier noch keinen Handyempfang gab. Sie hätten nichts gegen die Touristen, versichern uns die Bewohner, im Gegenteil, so bekämen auch sie immer wieder neue, exotische Gesichter zu sehen. 

Als wir zurück aufs Boot steigen, kommt bereits die nächste Ladung neugieriger Besucher angefahren. Uns hingegen erwartet ein weiteres Stück Paradies, wo wir uns im Schatten der gebeugten Palmen in den weichen Sand legen und im kristallklaren Wasser baden. Mit uns sind nur die Chitra, die Sandfliegen, da ein Wermutstropfen für all jene, über deren Körper die kleinen Biester hungrig herfallen.

Meer überall

Am vierten Tag ist die Karibikidylle vorbei, die Inseln werden immer kleiner in der Ferne, die Unterhaltungen versiegen. Nur das Meer ist immer noch blau. Und unendlich gross. Unser schaukelndes Boot scheint winzig und fast verloren auf diesem gigantischen Ozean, der sich bis zum Horizont und noch viel weiter erstreckt. Die Stunden plätschern langsam vor sich hin. Zweimal bekommen wir entzückende Gesellschaft: Delfine springen neben uns aus dem Wasser und zaubern selbst auf die müdesten Gesichter ein Lächeln.

Sobald es dunkel wird, schickt uns der Kapitän in die Kojen. Und hier wird es für uns beide dann richtig ungemütlich: Unsere Koje leckt. Das Laken auf dem schmalen Bett ist vollkommen durchnässt. Wenn wir uns hinlegen, tropft uns Wasser auf Kopf, Brust und Beine. In Kombination mit den gefühlten 50 Grad Zimmertemperatur ergibt das ein schier unerträgliches Klima. Tatsächlich halten wir es dank der Reisetabletten aus, die müde machen und uns in einen ungesunden Schlaf ziehen. 
Irgendwann wache ich auf, weil ich Stimmen wahrnehme. Ich freue mich, glaube, es sei schon Morgen und ich könne die nasse Matratze verlassen. Es ist 22:30 Uhr. In unserer Koje stinkt es. Ab und zu schwappt ein wenig Wasser aus der Toilette neben unserer Tür über. Und alles um uns herum scheint verfault zu sein. Ich nehme noch eine Tablette.

Im sicheren Hafen

Endlich ist die Nacht überstanden, ein neuer Morgen bricht an. Die Wellen haben sich inzwischen beruhigt, es geht allen Passagieren besser. Nur reden scheint noch immer niemand so richtig zu mögen. Kurz erscheint am Horizont ein Containerschiff. Und dann, nach einer gefühlten Ewigkeit auf dem offenen Meer, ist es soweit: Land in Sicht. Kolumbien in Sicht. Nach 32 Stunden laufen wir im Hafen von Cartagena ein. Durchgeschwitzt, stinkend und trotz vielen Stunden Dämmerschlaf ausgelaugt. Selten zuvor hat die Aussicht auf eine Dusche mehr Freude ausgelöst. Aber auch: Nie waren wir glücklicher über die Ankunft in einem neuen Land.

Gibt es einen stilvolleren Weg, eine Grenze zu überqueren, als diesen fünftägigen Trip von Panama nach Kolumbien? Wahrscheinlich nicht! Trotz schwarzen Eimern, juckenden Bissen von Sandfliegen und einer an ein stinkendes Dampfbad erinnernden Koje. Denn da waren ja auch der Sand, der sich unter unseren Füssen wie Puderzucker anfühlte, das Wasser, das in unserer Erinnerung ein völlig neues Spektrum an Blautönen hinterliess, ein Gefühl völliger Freiheit und neu geknüpfte Freundschaften.


Der Boden bewegt sich für mich noch eine Zeit lang weiter. Ein paar Tage nach unserer Ankunft springe ich nachts aus dem Bett, panisch aus Angst, wieder seekrank zu werden, denke, ich muss schnell hoch an Deck, kauere in eine Ecke unseres Zimmers, bis ich realisiere: Das ist nur ein Traum. Ich habe wieder festen Boden unter meinen Füssen. 






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