6. Mai 2015

Zwischenstopp im Land der Freiheit

Nach sieben Monaten kommt er dann doch, der Kulturschock. Nicht irgendwo in der hintersten Ecke Asiens, sondern in den USA. Anstatt kollektives Miteinander stehen plötzlich persönliche Freiheit und Individualismus im Zentrum. Wir bewundern das hübsche San Francisco, stehen ungläubig am Las Vegas Boulevard und machen eine Menge neuer Erfahrungen in Texas.

Zielen, ausatmen, abdrücken. Stumm wiederhole ich die drei Worte. Der Revolver liegt schwer in meiner Hand, sein Lauf zeigt auf die Brust der Silhouette vor mir. Vorsichtig hatte ich die sechs Patronen eingefüllt und ebenso vorsichtig bewegt sich nun mein Zeigefinger immer näher an den Abzug. Ausatmen. Es knallt. Obwohl ich darauf vorbereitet war, überrascht mich die Kraft des Rückschlags. Ungläubig schaue ich nach vorn. Ich habe zum ersten Mal eine Waffe abgefeuert.

Nach den sechs Schuss aus dem Revolver wechsle ich zur halbautomatischen Pistole. Damit das Ziel zu treffen, ist einfacher. Mit jedem Schuss spüre ich mein pazifistisch schlagendes Herz in meiner Brust hüpfen, aus Aufregung, aus Widerstand und, ein ganz kleines bisschen, auch aus Spass. Wir machen einen Einführungskurs auf dem Schiessstand, denn Schiessen
so das Klischee gehört ja irgendwie zu Texas. So wie Steak und Rodeo.

Die Pistole im Nachttisch

Texaner Pete klärt uns über die Rechtslage im Lone Star State auf. Jeder Volljährige, der offiziell im Besitz seiner geistigen Kräfte ist und sich an die Gesetze hält, darf sich nach einem kurzen Backgroundcheck eine Schusswaffe zulegen. Oder mehrere. Diese darf er dann zuhause aufbewahren und auch in seinem Auto dabei haben. Ohne dass dafür ein Waffenschein nötig wäre. Wir runzeln die Stirn, als Pete davon redet, wie sinnvoll es sei, eine geladene Pistole im Nachttisch zu haben schliesslich wisse man nie, ob man sich nicht irgendwann im Schlafzimmer vor einem bösen Menschen schützen müsse. Während der Gedanke, neben einer geladenen Pistole zu schlafen, bei uns eher Unbehagen als ein Gefühl von Sicherheit auslöst, scheint Pete sich damit wohl zu fühlen. Denn, wenn der böse Mensch kommt, muss die Waffe ja einsatzbereit sein, im Safe nützt sie dann nichts. 

Dass in Texas und im ganzen Land viele Waffen im Umlauf sind, ist nichts Neues. Aber warum passieren hier mehr „Unfälle“ damit als beim Nachbarn Kanada, wo genau wie in der Schweiz ebenfalls eine grosse Anzahl von Gewehren in Privatbesitz ist? Wir werden das Gefühl nicht los, dass es Furcht ist, die uns die Erklärung dafür liefert. Sicherheit als Urbedürfnis ängstlicher Bürger, die Angst als Marketinginstrument, real gemacht von Waffenlobby, Regierung und Medien. Man weiss ja nie, wann der böse Mann im Schlafzimmer auftaucht.

Ein paar Tage nach dem Schiesstraining treffen wir in Houston auf Eric. Er ist dabei, einen Shut Down zu organisieren, einen Streik. Damit will er dagegen ankämpfen, dass immer wieder oft unschuldige Afroamerikaner von Polizisten erschossen werden. Viel zu oft hat man in letzter Zeit davon gelesen. Wir wünschen ihm viel Erfolg und sind gleichzeitig befremdet. Wenn Waffen in einer Gesellschaft so normal sind, greifen dann auch Polizisten viel schneller, leichtfertiger danach?

Schöne Menschen und laute Musik

Als Kontrast zu Pistolen und Patronen begleiten wir Samirs Schwester und ihre Freundinnen am Ostersonntag zum Gottesdienst in einer lokalen Kirche. Aber ruhig und besinnlich wird es hier auch nicht. Vor Beginn flackert über die Grossbildschirme erst einmal Werbung. Konsum und Kapitalismus sind in der Kirche angekommen. Dann folgt Musik. Laute Musik. Hübsch zurechtgemachte, charismatische Männer und Frauen musizieren auf der Bühne, voller Inbrunst und Leidenschaft preisen sie ihren Gott. Viele Menschen um uns herum haben die Augen geschlossen, die Emotionen sind im ganzen Saal zu spüren. Und auch wenn wir uns mit dem Inhalt der Lieder und der Predigt nicht unbedingt identifizieren können, so sind wir doch fasziniert von der Stimmung im Saal, freuen uns für die Menschen, die hier so zufrieden scheinen. 

Der Saal ist brechend voll, die Predigt wird gar per Video in andere Räume und ins Internet übertragen. Als ich kurz vor Ende der Predigt auf die Toilette gehe, finde ich mich mitten unter perfekt geschminkten und glamourös frisierten jungen Frauen wieder. Ein kleines Mädchen steht im pinkfarbenen Prinzessinnenkleid vor dem Spiegel. Wie ein Schönheitswettbewerb fühlt sich dieser Gottesdienst für mich an. Oder wie ein Popkonzert. Auf jeden Fall ganz anders, als ich die Kirche von früher aus der Schweiz kenne.


„Eigenartige“ Orte

Sowieso ist so einiges anders als in der Schweiz. „You’re going to some weird places“, meinte der junge Typ in San Francisco zu uns, als er von unseren USA-Plänen hörte. Und was soll man sagen? So ganz unrecht hatte er nicht. Dallas, wo Schiessstände neben evangelikalen Kirchen stehen. San Francisco, wo Obdachlose im schicken Bankenviertel Gras rauchen. Las Vegas, wo verschuldete Amerikaner im künstlich nachgebauten Paris ein Vermögen ausgeben. Das Land hat uns nur ein paar seiner unbegrenzten Möglichkeiten gezeigt damit unseren Horizont aber um ein grosses Stück erweitert.






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