14. Juni 2015

Alltagsgeschichten aus Santa Marta

In der unscheinbaren Stadt Santa Marta finden wir ein Zuhause auf Zeit. Für fünf Wochen leben wir einen Alltag, der uns anfänglich so gar nicht alltäglich erscheint. Aber wir gewöhnen uns schnell an den hitzigen Rhythmus der Costeños, der Bewohner der kolumbianischen Karibikküste.
 

In Santa Marta kommt es vor, dass Männer nachts aufwachen und sich nicht bewegen können. Dann sitzt eine liebestolle Hexe auf ihnen und hält sie fest. Aber das ist nicht alles: Alejandra erzählt von Zwergen, die ihr früher Streiche gespielt haben. Und Leo hat Angst vor der einbeinigen Patasola, die im Dschungel wohnt und Jagd auf untreue Männer macht. Hexen, Zwerge und allerlei Monster gehören zum Alltag in dieser Stadt. Immerhin liegt Santa Marta nicht weit entfernt von dem Ort, in dem Gabriel García Márquez das Licht der Welt erblickte. Und irgendwoher muss dieser ja die Inspiration für seine zauberhaften Geschichten gehabt haben. Wir sind in einem Land, in dem Realität und Fantasie nicht nur in Romanen zu verschwimmen scheinen.

Santa Marta ist nichts Besonderes. Tatsächlich fehlt der Stadt einiges von dem herausgeputzten Charme, mit dem uns noch vor kurzem Cartagena bezirzt hatte. Das Klima ist heiss und feucht, unsere Wohnung teilen wir mit Kakerlaken. Aber: Wir haben endlich wieder unsere eigenen vier Wände, ein Badezimmer nur für uns, einen Kühlschrank, einen Herd und eine Kaffeemaschine. Fünf Wochen lang haben wir dieselbe Adresse, bald finden wir Freunde und am Ende ist Santa Marta ein richtiges Zuhause geworden. Unser Alltag in der Stadt wird durch herzliche Begegnungen bereichert und von allerlei liebenswürdigen Kuriositäten unterbrochen. 


Tinto und Minutos

Da ist der ältere Taxifahrer, der lauthals in die Ballade einstimmt, die im Radio läuft, während er uns ans andere Ende der Stadt bringt. Oder die Familie im Fastfood-Restaurant, die sich an den Händen hält und vor Burger und Pommes betet, bevor sie zu essen beginnt. Vor der Kathedrale sitzt eine Frau an einem Holztisch und verkauft minutos: Wer einen Anruf tätigen möchte, nimmt sich eines der an einer Kette befestigten Mobiltelefone und zahlt der Frau am Ende den Betrag fürs Gespräch. Zwar hat fast jeder in Kolumbien ein Handy aber nicht alle können es sich leisten, Guthaben darauf zu laden. Und im Park führen zittrige, alte Männer Einkaufswagen voller Thermoskannen Spazieren und verkaufen tinto, zuckersüssen Kaffee in winzigen Pappbechern. Es sind kleine Begebenheiten wie diese, die uns immer wieder daran erinnern, wo wir gerade sind. Wir sind in Kolumbien und wir sind gerne hier.

Immer, wenn es regnet...

Eigentlich ist gerade Regenzeit an der Karibikküste. Trotzdem fällt in den ersten drei Wochen kein einziges Mal Regen. Schon lange warten die Bewohner auf ihn, denn es ist heiss und zu trocken. Wasser ist knapp in Santa Marta. Als er schliesslich kommt, der Regen, scheint er trotzdem alle zu überraschen: In unserer Nachbarschaft kommt Unruhe auf. Die Leute rennen zu ihren Autos, um sie vor überschwemmten Strassen in Sicherheit zu bringen. Auf dem Dach unseres Nachbarhauses fängt ein Kabel an zu rauchen, als die ersten Tropfen fallen. Und im Supermarkt verteilen die Angestellten Eimer zwischen den Gängen denn das Dach ist nicht dicht.

Die Strassen werden bald zu Bächen. In dem zehnminütigen Fussmarsch von unserer Wohnung zum Essensmarkt bei der Kathedrale lege ich mich mehrmals fast auf mein Hinterteil, so rutschig ist der Boden. Und auf dem Rückweg mache ich im Stockdunkeln
es gibt im Moment natürlich keinen Strom einen Fehltritt und lande mit dem rechten Fuss in einer fast 30 cm tiefe Pfütze. Ein Mann, einer der besonders pfiffigen Sorte, macht aus den Überschwemmungen kurzerhand ein Geschäft: Aus Kisten und Brettern baut er eine Brücke über eine Strasse, die sich mittlerweile in einen reissenden Strom verwandelt hat. An der Hand führt er zahlende Kunden und vor allem Kundinnen darüber auf die andere Seite. 

 

Der Rhythmus der Costeños

Einiges, was uns zu Beginn noch absonderlich vorkam, wird schnell zum Alltag: der Esel, dessen Geschrei meine Konversationsstunde unterbricht, genauso wie das Geräusch von Pferdehufen auf dem Asphalt, das nachts durch unser Fenster dringt. Morgens um sieben wecken uns die Rufe des Verkäufers, der durch unsere Strasse geht und „limones, papaya, aguacate“ anpreist. An den Wochenenden übt die Vallenato-Band im Nachbarhaus schon morgens in einer solchen Lautstärke, dass die Alarmanlagen sämtlicher Autos in der Nähe losgehen. Immerhin ist sie gut, die kolumbianische Musik. Sogar dann, wenn sie viel zu laut aus den Boxen vor den Kleiderläden dröhnt und sich mit dem Gehupe der Busse und dem Geschrei der Verkäufer vermischt.
 

Mit Lautstärke scheint hier niemand Probleme zu haben. Als wir auf der Terrasse im ersten Stock zusammen mit unseren neuen Freunden eine Party feiern, hüpfen die Rhythmen von Salsa und Reggaeton bis morgens um halb vier durch das gesamte Viertel. Hier beschwert sich niemand. Hier stellt ein altes Paar mitten in der Nacht Plastikstühle auf die Strasse neben eine Bar, um den jungen Leuten beim Tanzen und Feiern zuzuschauen.

Fast alle Kolumbianer, mit denen wir sprechen, träumen vom Reisen. Sie wollen nach Neuseeland, Australien, Kanada. Viele haben das Land noch nie verlassen und wollen die Welt kennenlernen, vielleicht im Ausland arbeiten. Irgendwo, wo es mehr Geld zu verdienen gibt. Und dann lachen sie wieder und trinken und tanzen, wie es vielleicht nirgendwo anders auf der Welt geht. Und Alejandra, die Weitgereiste, die nach zwei Jahren in Schweden aus Sehnsucht wieder hierher zurückkam, sagt: „Ich will gar nicht mehr weg, ich liebe Kolumbien.“






Kommentare:

  1. Waaaahnsinnn!!!! Freu mi jedesmal wieder riesig über dini Biiträg und Fotene!! Leider merk ich denn amigs wieder, wie fest ich eu vermiss, aber hey, nu na 36Täg....Tiktak... :D
    Ihr gsehnd so glücklich us, das freut mich riesig! Han eu liäb! <3

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    1. Daaanke, Schwöschterherzli! Vermiss dich au, aber bald, bald, bald isch es sowiit... Freu mich sehr! :-*

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