3. Juni 2015

Cartagena, du schöne Heldin

Kolumbien. Südamerika. Ein paar Mal muss ich diese Worte noch auf der Zunge zergehen lassen, bis ich verstehe, dass ich endlich hier bin. Auf dem Kontinent, auf den ich so lange gewartet habe. Und Cartagena, die Hübsche, die Zwielichtige, die Königin Kolumbiens, ist der perfekte Einstieg.

Pesos, Unterkunft, Dusche. Die Prioritätenliste bei unserer Ankunft in Cartagena ist kurz und schnell abgehakt. Fündig werden wir im Stadtteil Getsemaní. Hier stehen die Budgetunterkünfte und die günstigen Restaurants. Hier sind die Strassen lebhaft, bunt und hip. Hier schlagen sich Einheimische und Backpacker gemeinsam bei lauten Rhythmen die heissen Nächte um die Ohren.

Centro: geschichtsträchtige Kolonialbauten

Cartagena ist die Perle der Karibik und das ist nur einer ihrer vielen Beinamen. Sie ist in der Tat eine Schönheit. Seit 1984 gehört ihr historisches Zentrum zum Weltkulturerbe. Prächtige Kolonialbauten mit hohen, blumengeschmückten Balkonen zieren die malerischen Gassen im centro histórico. Die Fassaden leuchten in Azurblau oder Apricot und hin und wieder fällt der Blick durch eines der prachtvollen Eingangstore in einen ruhigen, schattigen, mit Pflanzen dekorierten Innenhof. In den rechteckigen Parkanlagen ruhen sich die Menschen unter hohen Bäumen neben den Statuen der Helden ihrer Stadt aus.

Der süsse Duft frischer Fruchtsäfte liegt in der Luft, er vermischt sich mit dem Rauch der mobilen Grillstationen, dem Schweiss und dem Parfüm der vielen Besucher. Auf der Plaza Santo Domingo, im Schatten der Kathedrale, trinken die Tagesausflügler der Kreuzfahrtschiffe vor einer Skulptur von Fernando Botero kühles Bier oder gezuckerten Kaffee, während fliegende Händler Sonnenbrillen, Süssigkeiten und Zigarren aus Kuba feilbieten und eine Gruppe von Teenagern zu Reggaetonbässen tanzt. 

Bei Sonnenuntergang kommen alte Männer mit Plastikstühlen auf die Plaza de los Coches, auf eben diesen Platz, auf dem während der Kolonialzeit Sklaven gehandelt wurden. Unter den Augen des versteinerten Pedro de Heredia, dem Gründer der Stadt, sitzen die Männer heute im Kreis und reden. Und während ein immer dunkler werdendes Blau die Herrenhäuser umhüllt, wird in den Bars und Restaurants die Musik aufgedreht. Salsa, Cumbia und Vallenato ziehen rhythmisch durch die lebendigen Strassen. Die Kolumbianer nennen Cartagena auch La Reina, die Königin.


Getsemaní: wo alles möglich ist

Nur knapp zehn Minuten von der Puerta del Reloj, dem Eingangstor zum herausgeputzten Centro, blickt man in Getsemaní in ein anderes Gesicht Cartagenas. Als die Stadt im 19. Jahrhundert ihre Unabhängigkeit ausrief, lebten hier vor allem einfache Handwerker, Handelsmänner und ehemalige Sklaven. Heute ist Getsemaní ein Treffpunkt für Künstler und Kulturschaffende, Backpacker, Partygänger und allerlei dubiose Gestalten. Die Wände entlang der Strassen sind bemalt, sie erzählen Geschichten von früher und zeigen sich bisweilen ganz kreativ gesellschaftskritisch.
 

Abends trifft man sich auf der Plaza de la Santísima Trinidad vor der Kirche aus dem 17. Jahrhundert. Dann bilden sich hier Menschentrauben vor den Essensständen, die Hamburger, gegrillte Fleischspiesse oder Arepas verkaufen. Überall stehen kleine Grüppchen beisammen, essen, plaudern, trinken billiges Bier aus dem Laden an der Ecke: kichernde Teenager, verliebte Pärchen, Männer in schicken Anzügen, junge Frauen in engen Miniröcken, herumtollende Kinder, torkelnde Betrunkene, blasse Touristen, grinsende Senioren. Hier sind alle gleich.

Der Stand gegenüber unseres Hostels verkauft Empanadas für 50 Rappen und im Laden nebenan treffen sich die Einheimischen zum Biertrinken und Fussball schauen. In Getsemaní kann man wahrscheinlich alles kaufen. Spätestens nach Sonnenuntergang hört man an jeder Ecke leise „psst, amigos, I have everything“. Wir hören die Geschichte von zwei jungen Engländern: Als sie auf der Strasse Kokain schliesslich sind sie ja in Kolumbien kaufen wollen, werden sie vom „Händler“ und seinen Kollegen um knapp 1000 Dollar erleichtert. Ob man es glauben mag oder nicht: Kokain ist auch in Kolumbien illegal und das Geschäft mit der Droge ist auch hier ein zwielichtiges. Das Land arbeitet seit Jahren daran, sein Image als Koks-Hochburg wieder loszuwerden.

Castillo San Felipe: heldenhafte Verteidigung

Über den brodelnden Gassen Getsemanís thront ausserhalb der Stadtmauer das majestätische Castillo San Felipe. Es ist nur eine von vielen Verteidigungsanlagen in Cartagena: Nach einem zerstörerischen Angriff des berüchtigten Freibeuters Francis Drake im Jahr 1586 sicherten 200 Jahre später insgesamt 29 Forts und ein elf Kilometer langer Schutzwall das florierende Handelszentrum am karibischen Meer. Das Castillo San Felipe, eine Festung wie sie im Buche steht, gilt als herausragendes Beispiel der spanischen Verteidigungsarchitektur und steht noch heute als Symbol für die mehrmalige heldenhafte Verteidigung Cartagenas. Im 18. Jahrhundert gelang es der kleinen Stadt gar, einen Angriff von 18'000 britischen Soldaten unter Admiral Vernon abzuwehren. La Heroíca, die Heldenhafte, heisst Cartagena heute auch.

Und schliesslich nahmen innerhalb eben dieser Stadtmauern auch die Gedanken eines weiteren Helden Gestalt an: Simón Bolívar, el Libertador, der Befreier Lateinamerikas, verfasste hier das Manifest von Cartagena. Hier nahm die Unabhängigkeit Kolumbiens, Panamas, Ecuadors, Perus, Boliviens und Venezuelas ihren Anfang. Und hier beginnen wir zusammen mit Bolívar, der uns in den nächsten Monaten noch oft begegnen wird, unsere Reise durch Südamerika. Ein ganzer Kontinent voller Geschichten liegt vor uns.





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