29. Juni 2015

Ciclovía, Tejo und Meerschweinchenwetten

Die Strassen Bogotás sind sonntags gesperrt für den motorisierten Verkehr. Dann gehören sie den Fahrradfahrern, Skatern, Fussgängern, Fruchtsaft- und Snackverkäufern. Ciclovía heisst dieser Tag, an dem wir eine Stadt kennenlernen, die uns im Vorfeld ein klein wenig Angst gemacht hatte.

Sehr selten machen wir eine organisierte Tour mit. Einerseits weil diese oft unser Budget übersteigen, andererseits weil wir die Freiheit so sehr schätzen, von der man gerade auf Reisen so viel hat. In Kolumbiens Hauptstadt haben wir trotzdem an einer Tour teilgenommen und es nicht bereut. Denn per Fahrrad mit jemandem, der sich auskennt, durch Bogotá zu kurven, hat unsere Perspektive verschoben. Wir haben nicht nur den seltsam maroden Charme der Stadt zu spüren bekommen, sondern auch eine anfängliche, durch Medien und Reiseführer geschürte Angst vor ihr überwunden.

Per Fahrrad durch Bogotá

Kurz nach dem Start biegen wir von den mit Backsteinen gepflasterten Gassen im Viertel La Candelaria ab auf die breite, verkehrsfreie Avenida Jiménez. Schon am nächsten Tag werden sich hier wieder die Autos stauen. Heute aber sind Abgase und Gehupe weit weg.
Von 7 bis 14 Uhr sind 121 Kilometer Strasse in der Stadt für den Verkehr gesperrt. Seit 1974 existiert die Ciclovía in Bogotá und rund 2 Millionen Menschen machen heute Gebrauch davon. Skater, Spaziergänger, Jogger und besonders viele Radfahrer sind unterwegs. Wir bahnen uns unseren Weg vorbei an kleinen Ständen, an denen es frische Fruchtsäfte, Kaffee, Ananas, Mangos, Arepas oder Empanadas zu kaufen gibt, und weichen Männern in leuchtend gelben Trikots aus, die Pfeifen und Flaggen fürs Fussballspiel verkaufen, das später am Nachmittag stattfinden wird. Die Sonne scheint und das Leben findet heute auf der Strasse statt.
 

Sozialkritik an den Wänden

Wir kommen an einem Spielfeld vorbei, auf dem der blinde Fussballverein Bogotás sein Training absolviert, passieren den Park mit der Schweizer Uhr und kurz darauf die Stierkampfarena. An viel zu vielen Plätzen lauern Geschichten von Attentaten auf Politiker oder sonstige berühmte Persönlichkeiten der Stadt. Graffitis und Malereien an den Fassaden reflektieren die blutige Vergangenheit Bogotás und Kolumbiens, die sozialen Ungleichheiten, den allgegenwärtigen Wunsch nach Frieden. Von der Rückseite eines Hauses prangt das Gesicht des ermordeten Komikers Jaime Garzón. Da das der Hausbesitzerin so gar nicht passte, wurde das Bild kurzerhand entlang ihrer Grundstückgrenze blau übermalt. Glücklicherweise besitzt die Frau wohl weniger, als sie dachte; Gesicht und Botschaft sind heute noch gut sichtbar.

Ein kurzer Halt. Unser Guide Mike, ein amerikanischer Ex-Journalist, der heute Touristen diese andere Seite Bogotás zeigt, kündigt an, dass wir gleich durchs Rotlichtviertel fahren werden, und bittet uns, keine Fotos zu machen. Kein Problem für die meisten von uns ist es schon unangenehm, überhaupt an den Frauen vorbeizufahren. Leicht bekleidet stehen sie in Hauseingängen oder auf der Strasse, einige von ihnen sehen sehr jung aus. Später erfahren wir, dass sich Mann hier für nicht einmal 20'000 Pesos „vergnügen“ kann. Für knapp 7 Franken verkaufen sich die Frauen. Vielleicht für Drogen, vielleicht schlicht, um sich genug zu essen kaufen zu können.

 

Schiesspulver und Bier

Der nächste Stopp. Wir stellen die Räder vor einem kleinen Restaurant ab. Es ist voll, die Leute sitzen vor ihrem Mittagessen und einem Bier, im Fernsehen läuft Fussball. Unter neugierigen Blicken drängen wir uns an den dicht zusammenstehenden Tischen vorbei in die Halle dahinter. Und hier erwartet uns ein besonders spassiges Erlebnis: Wir lernen Tejo kennen, den offiziellen Nationalsport Kolumbiens. Allzu sportlich geht es jedoch nicht zu und her: Noch während uns die Regeln erklärt werden, bringt jemand einen Kasten Bier. Denn Tejo ohne Bier das geht in Kolumbien nicht. Also trinken wir und spielen.

Worum geht’s? Ziel des Spiels, mit dem sich indigene Völker schon vor 500 Jahren die Zeit vertrieben haben, ist es, mit einem diskusförmigen Stein kleine Päckchen voller Schwarzpulver zu treffen. Diese sind ca. 20 Meter entfernt in einem Tor aus Lehm kreisförmig angeordnet. Wir werfen nacheinander unsere Steine. Wenn wir treffen, explodieren die Päckchen und es knallt in der Halle. Ziemlich laut. Während sich die Einheimischen auf dem benachbarten Tejo-Feld vom regelmässigen Knallen in ihrem Spiel nicht aus der Ruhe bringen lassen, freut sich unsere Gruppe über jede einzelne Explosion. Und mit jedem Schluck Bier macht es mehr Spass. Ein kolumbianisches Paar filmt uns mit dem Handy von ihrem Tisch aus.


Ein Glücksspiel der besonderen Art

Wir radeln zurück über die immer noch autofreie Hauptsstrasse. In der Zwischenzeit haben sich viele weitere Menschen hier eingefunden. Und plötzlich stossen wir auch auf kleine Tiere: Mitten auf der Strasse stehen vier Meerschweinchen brav in Reih und Glied. Es ist ein weiterer „Volkssport“ Kolumbiens: Man wettet, in welches der farbigen Hütchen am Ende einer festgelegten Strecke die Nagetierchen wohl hineinschlüpfen werden. Dazu legt man einfach seinen Einsatz auf die gewählten Hütchen und wartet, bis ein Meerschweinchen losgelassen wird und sich sein Ziel aussucht.
Geld gewinnen wir an diesem Tag keines. Aber wir gehen mit vielen, wertvollen Eindrücken nach Hause.




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