11. Juli 2015

Hübsches, neues Medellín

Beim Stichwort „Medellín“ liegen Gedanken an Drogen und das berühmtberüchtigte Kartell Pablo Escobars nicht fern. Doch wer die Stadt besucht, in dem Kartell und Kokain einst zuhause waren, merkt: Medellín ist so viel mehr als das.

Der Platz, auf dem wir an diesem Mittwochmorgen so sorgenlos in der Sonne stehen, war einmal einer der gefährlichsten Orte weltweit. In einer Stadt, die einst als die gefährlichste Stadt der Erde galt. Als er ein Teenager war, sagt Pablo, seien auf diesem Platz täglich Schüsse gefallen. Damals haben sich Junkies, Diebe und Mörder hier herumgetrieben. Damals war die ganze Stadt in der Hand der Drogenmafia. Damals vor knapp 20 Jahren.

Pablo — ja, so heisst er tatsächlich erzählt, er habe als Kind von seinem Bett aus regelmässig Maschinengewehrsalven und Explosionen gehört. 381 Morde wurden jeden Tag auf 100’000 Einwohner gezählt. Das brachte Medellín noch Anfang der 90er-Jahre den zweifelhaften Titel der „Mordhauptstadt der Welt“ ein.
Pablo ist aufgewühlt, wenn er von der Zeit erzählt, als sein Namensvetter sein Unwesen in Medellín trieb, und macht immer wieder deutlich, welche Narben sie in seinem Land hinterlassen hat. Er freut sich, dass wir trotz des immer noch schlechten Rufs seiner Heimatstadt hier sind. 

Es ist für uns ein beklemmendes Gefühl, durch die berüchtigten Strassen zu gehen, vorbei an Bildern und Skulpturen, die das Vergessen einer Zeit voller Terror und Angst verhindern sollen. Und es ist ein schönes Gefühl, heute auf diesem Platz stehen zu können und zu sehen, wie weit es die Stadt gebracht hat.

Innovation und Zukunft

Denn heute ist Medellín nicht nur sicher, modern und gut organisiert, sondern auch ein Vorbild für die Entwicklung anderer südamerikanischer Städte. Nach dem Tod Pablo Escobars Mitte der Neunziger Jahre war Medellín ein Sumpf aus Gewalt und Angst. Knapp 20 Jahre später wurde sie als innovativste Stadt der Welt ausgezeichnet. Heute ist Medellín ein Zentrum der Mode und der schönen Menschen, der Kultur, Innovation und der Hoffnung.

Die Visionen des grünen Mathematikers und späteren Bürgermeisters Sergio Fajardo sind in verschiedenen Bauten verwirklicht: Schulen, Sportstätten, Kulturzentren, Kindergärten, Bibliotheken, Brücken. Vorzeigeprojekt Nummer 1 ist das Verkehrssystem aus Bussen, Metro, Seilbahnen und Rolltreppen. Wir fahren mit der Metrocable, der Gondelbahn, hinauf nach Santo Domingo. Die Fahrt dauert 20 Minuten
früher brauchten die Anwohner zwei Stunden bis ins Zentrum. Unweit der Bergstation Santo Domingo springen uns die drei markanten, schwarzen Würfel des Parque Biblioteca España ins Auge: eine Bibliothek, die den Anwohnern Bildung und Zukunft bringen soll. Wir schauen uns darin um und finden Regale voller Bücher und Computerräume, in denen die Jugendlichen des Barrios vor den Bildschirmen sitzen. Besser Youtube als Raubüberfälle, denken wir uns.

Die anrüchige Seite der Stadt

Neben all dem Fortschritt hat sich Medellín eine zwielichtige Seite bewahrt. Auf der Plaza Botero, auf der die voluminösen Skulpturen des Künstlers zu begutachten sind, treiben sich Touristen, Schuhputzer und Verkäufer herum. Nur wenige Meter daneben, rund um die Kirche an der Ecke, warten die leichten Mädchen in extraknappen Outfits und mit gelangweiltem Blick auf Kundschaft. Kirche und Prostitution, das sei doch überhaupt kein Widerspruch, meint Pablo grinsend und erklärt: Mit der Religion hätten die Menschen stets eine Seife dabei, um sich von allfälligen Sünden reinwaschen zu können. Wie treffend dieser Satz ist, zeigt sich erneut, als wir zu einer anderen Kirche kommen: Vor dem Eingang bietet uns eine Frau Marihuana an, im Inneren sind sämtliche Gänge brechend voll mit Gläubigen, die gemeinsam mit dem Priester in leisem Singsang beten, und in der Gasse dahinter gibt es Pornos auf illegal gebrannten DVDs zu kaufen. Wir können ein lautes Lachen nicht unterdrücken.

Weiter zur Plaza Bolívar, nicht nur ein Monument für Nationalheld Simón Bolívar, sondern auch ein Schmelztiegel unterschiedlichster Menschen und Lebensweisen. Auf den Bänken sitzen Rentner bei einem Becher Tinto und beobachten sämtliche Bewegungen auf dem Platz. Uns werfen sie neugierige Blicke zu. Wir sehen Familien beim Spazieren, Kinder beim Fussballspielen. Unmittelbar neben dem Polizeigebäude am Rand des Platzes versammeln sich die Junkies, um Crack zu rauchen. Und am späteren Nachmittag treffen sich hier die Transvestiten. Es sei ein Platz, den viele Einheimische den Touristen nicht gern zeigen, sagt Pablo. Auf Stadtplänen markieren sie die Gegend mit grossen Kreuzen: „bloss nicht dahin, viel zu gefährlich“. Wir verstehen schon: Die stolzen Einwohner Medellíns wollen nur die „schönen“, die herausgeputzten Seiten ihrer Stadt präsentieren. Doch wir mögen auch die Plaza Bolívar. Sie ist ausdrucksvolles Spiegelbild der Vielfalt Kolumbiens.





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