25. Juli 2015

Unwiderstehliches Kolumbien

„Wer noch nie in Kolumbien war, warnt davor. Und wer schon einmal hier war, schwärmt davon.“ Ich selbst wollte nun schon so lang so sehr in dieses Land, dass ich weder mir selbst noch jemand anderem jemals von einer Reise abgeraten hätte. Aber mit dem Schwärmen, damit hat Pablo in Medellín ins Schwarze getroffen.

Kolumbien, du wirst uns fehlen. Du und deine Herzlichkeit, die wir in so vielen Begegnungen zu spüren bekommen haben. Du und deine Vielfalt, die sich nicht nur in deinem Klima und deiner Landschaft, sondern auch in deinen Bewohnern äussert. Du und deine Schönheit, die uns immer wieder den Atem anhalten liess. Als wir uns dir in Cartagena noch zaghaft annäherten, wussten wir nicht recht, was uns erwarten würde. Und nun, zweieinhalb Monate später, verlassen wir dich so viel reicher, als wir es bei unserer Ankunft waren. Du hast uns Bilder geschenkt, die der kreativste Maler nicht auf eine Leinwand bringen könnte, und Begegnungen, deren Warmherzigkeit wir irgendwann mit nach Hause nehmen möchten.

Schätze aus der Kolonialzeit

In Barichara, Guane und Villa de Leyva bestaunen wir koloniale Architektur und geniessen gemächliches Dorfleben. Von der Hitze und Heissblütigkeit an der Karibikküste geht es in das von vielen als das „schönste Dorf Kolumbiens“ bezeichnete Barichara. Hübsch hergerichtete Gebäude aus dem 18. Jahrhundert zieren die gepflasterten Strassen. Die Luft ist frisch und sauber, die Strassen sind ruhig. Wir schalten einen Gang runter. Hier kann nicht nur die Lunge, sondern auch der Geist in Ruhe Luft holen.

Kurz nach unserer Ankunft lädt uns ein älterer Mann, der leider für immer namenlos bleiben wird, ein, neben ihm Platz zu nehmen. Er erzählt, wie er Jahre zuvor von Rebellen der FARC entführt und später glücklicherweise vom Roten Kreuz wieder befreit worden war. Er strahlt keinen Groll aus, während er redet. Vielleicht hat er hier in Barichara seinen Frieden gefunden.

Wir wandern ins neun Kilometer entfernte Guane. Nach knapp einem Kilometer gesellt sich ein Hund zu uns. Er begleitet uns, geht ein paar Schritte vor oder hinter uns, kommt von kürzeren Erkundungen immer wieder in unsere Nähe zurück. Ganz selbstverständlich, so als würde er zu uns gehören. Unser Wanderhund. In Guane verlieren wir ihn aus den Augen, er geht selbst auf Entdeckungstour. Also machen wir uns allein auf den Rückweg
bis er nach ein paar Minuten angerannt kommt. Wir sind beeindruckt ob seiner Spürnase und Loyalität.

Ein Nachmittag auf einer Finca

In Guatapé bekommen wir die kolumbianische Gastfreundschaft zu spüren. Wir kommen wir an, als wieder einer der unzähligen Feiertage Kolumbiens und damit ein langes Wochenende vor der Tür steht. Am Samstag überrollen eine Blechlawine und lautstarke Grossfamilien das kleine, normalerweise verschlafene Dorf. Wohlhabende Familien aus dem nahen Medellín haben hier ihre Landhäuser, verteilt auf den vielen Inselchen im künstlich angelegten Reservoir, auf dem sich am Wochenende Surfer, Segler, Wasserskifahrer und Bootsausflügler in die Quere kommen. Wir treffen Paula und Felipe, als sie die Besitzer unseres Hostels besuchen. Spontan und nach nicht einmal zehn miteinander gewechselten Worten laden sie uns ins Wochenendhaus von Paulas Familie ein. So geht Gastfreundschaft in Kolumbien.
 

Die Finca liegt auf einem Hügel mit bestem Blick auf den blau schimmernden See. Der Garten ist üppig, die Familie offen und herzlich. Für sie scheint es ganz normal, wildfremde Menschen nach Hause einzuladen. Paula und Felipe bewirten uns grosszügig und zeigen uns ein bisher unbekanntes Gesicht Kolumbiens. Die beiden wohnen in Medellín, waren aber schon fast auf der ganzen Welt. Sie hat in England studiert und in Italien gearbeitet, er war schon in Singapur und Malaysia zuhause. Sie kommen aus gutem Haus, das ist schnell klar. Und sie reden ganz anders von der grossen weiten Welt als unsere Freunde in Santa Marta. Felipe schwelgt mit uns gemeinsam in Erinnerungen an Asien und findet gleichzeitig für Länder wie Bolivien nicht viele gute Worte. Paula schwärmt von Europa und ärgert sich im gleichen Atemzug über die „Engstirnigkeit und Oberflächlichkeit“ Medellíns. Währenddessen sitzen wir zwischen Avocado- und Mandarinenbäumen in der Sonne und schlürfen Cocktails. Dass wir noch in Kolumbien sind, könnte in dieser Oase glatt vergessen gehen. Als Paula den Whirlpool aufheizt, den ihr Vater der Familie vor kurzem geschenkt hat, verabschieden wir uns. Zurück in die echte Welt.

In der Hauptstadt des Salsa

In Cali tauchen wir ins kolumbianische Nachtleben ein. Wir gehen tanzen. Viel Schlechtes haben wir gehört über die Stadt, wo der Salsa zuhause ist. Wie immer wollen wir uns selbst ein Bild machen und finden: Es ist gar nicht so schlimm in Cali. Die Stadt wird vielleicht keinen Preis für Charme oder Schönheit gewinnen, aber wie so oft gilt auch hier: Die Menschen machen den Unterschied. Wir sind im Hostel von Álvaro, dem es ein Anliegen ist, seinen Gästen die Vorzüge seiner Stadt zu zeigen. Er nimmt uns mit in die Tejo-Halle, wo wir leicht unbeholfen versuchen, mit den schweren Steinen die Zielscheibe zu treffen, während die älteren Herren um uns herum in regelmässigen Abständen und mit eleganten Würfen die Päckchen voller Schiesspulver explodieren lassen. Auch danach, im Club Topa Tolondra, sehen wir neben den Einheimischen eher alt aus: Sie bewegen ihre Beine so schnell im Rhythmus der Musik, dass den Gringos schon beim Zuschauen schlecht werden könnte. Wir machen trotzdem mit, langsamer zwar und sicherlich weniger grazil, aber immerhin: Wir tanzen Salsa in Kolumbien.

Palmen und Kakteen

Im Cocora-Tal und in der Wüste von Tatacoa macht uns die kolumbianische Natur sprachlos. Nicht weit von Salento wächst auf fast 2800 Metern über Meer der Nationalbaum Kolumbiens der genaugenommen gar kein Baum ist: die Quindio-Wachspalme, die höchste Palmenart der Erde. Fünf Stunden wandern wir durch satte Vegetation, bis wir am Ende auf einem Feld in einem Slalom die Stämme umrunden, die bis zu 60 Meter in die Luft ragen. Es ist einer dieser Momente, in denen wir unser eigenes Glück kaum fassen können.
 

Dann, später, noch mehr Glück und ein Kontrast zum blühenden Grün: die Wüste. Die Nächte in Tatacoa sind heiss, die Tage noch heisser. Nur in den frühen Morgenstunden ist es einigermassen angenehm, die Formationen der roten Wüste zu Fuss zu erkunden. Die Stille und das sanfte Licht der noch tiefstehenden Sonne sorgen für eine surreale Atmosphäre, die uns ein Lächeln auf die Lippen zaubert. Wir haben einen Umweg auf uns genommen, um diesen noch wenig besuchten Teil des Landes zu sehen. Und spätestens in dem Moment, als wir hinabsteigen in die rot leuchtende Landschaft ist klar, dass wir diesen Umweg jederzeit wieder machen würden.

Auf ein baldiges Wiedersehen!

Natürlich, Kolumbien, es war nicht alles heiter Sonnenschein mit dir. Die nasse Kälte, mit der du uns in San Agustín ein paar schlaflose Nächte verpasst hast, war unangenehm. Aber dann hast du uns tagsüber im archäologischen Park doch wieder ein paar Sonnenstrahlen geschenkt. Der Fernseher, der in den Bussen und selbst im Nachtbus! viel zu laut lief, hat uns immer wieder fast in den Wahnsinn getrieben. Aber dann gab es da die zauberhafte Aussicht aus dem Fenster und eine 24-stündige Fahrt an die Grenze, die viel, viel schlimmer hätte sein können. Das Essen, das oft nur wenig abwechslungsreich war, hätten wir uns besser gewünscht. Aber dann haben wir wieder einen frischen Lulo-Saft getrunken und eine Granadilla oder Pitaya gegessen und waren mehr als zufrieden. Die Menschen an der Küste, die für unseren Geschmack teilweise viel zu schnell redeten, waren oft schwer zu verstehen. Aber dann lächelten sie uns wieder zu, verwickelten uns in ein Gespräch oder schenkten uns im Vorbeigehen ein paar Mandarinen. Und so wollen wir nun, am Ende der zweieinhalb Monate in diesem Land, vor allem eines: zurückkommen.





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