15. September 2015

Familienausflug auf 4800 Meter

Wir kommen aus einem Land mit vielen Bergen. Wir sind uns die Höhe gewöhnt. Oder? Nun liegt in Ecuador allein die Hauptstadt bereits auf fast 3000 Metern über Meer. Und von hier geht es für uns noch höher: zum ersten Mal auf über 4000 Meter.

Die Luft wird dünner, das Atmen anstrengender. Unsere Pausen werden häufiger. Der kalte Wind bläst uns den Schneeregen ins Gesicht. Die Wolken scheinen hier oben viel schneller vorbeizuziehen, als wir es uns gewöhnt sind. Sie umspielen die majestätisch in den blauen Himmel hinaufragenden Berggipfel um uns herum und lassen immer wieder ein paar leider nur wenig wärmende Sonnenstrahlen durchblitzen. Wir sind auf dem Cotopaxi, dessen schneebedeckter Gipfel sich bei schönem Wetter noch in Quito erkennen lässt. Er ist eine Schönheit, dieser Vulkan. Und wir wollen rauf. So weit es eben geht ohne Kletterausrüstung.

Es brodelt im Vulkan

Erst vor ein paar Tagen ist meine Familie in Ecuador angekommen. Die Freude war gross, als ich sie nach fast einem Jahr endlich wieder in die Arme schliessen konnte. Viel Zeit für die Akklimatisierung in Quito blieb ihnen nicht. Denn während Samir leider noch krank sein Bett hüten muss, erklimme ich mit ihnen zusammen bereits heute Schritt für Schritt diesen Vulkan, der sich nur wenige Wochen später von seiner aktiven Seite zeigen wird. Dann wird er Asche und Schutt spucken, niemand mehr wird diesen Weg hier gehen dürfen, die Menschen im Dorf am Rand des Nationalparks werden dazu aufgefordert werden, ihr Zuhause zu verlassen.
 

Unser Guide Rigo hat uns mit dem Jeep bis zum Fuss des Vulkans gebracht. Er wohnt in dem kleinen Dorf unten an der Panamericana und ich habe mich später oft gefragt, ob er und seine Familie der Aschewolke wohl entflohen sind. Denn als ich ihn auf einen allfälligen Ausbruch ansprach, winkte er ab. Das sei zwar möglich, aber deswegen weggehen? Das käme für viele Menschen hier nicht in Frage. Wohin denn, wenn sich alles, das sie besitzen, hier befindet?

Herzklopfen im Schnee

Rigo zieht sich warm an für den Aufstieg und bald wissen wir, warum. Es ist kalt auf über 4500 Metern. Der Wind bläst eisig und erbarmungslos. Wir marschieren los, versuchen unser Tempo zu finden und merken schnell, dass dieses um einiges langsamer ist als noch bei unserem Spaziergang in Quito vor zwei Tagen.

Auch ich
obwohl ich bereits in Kolumbien in der Höhe unterwegs war spüre mein Herz in der Brust stürmischer hüpfen. Je höher wir kommen, desto stärker macht es sich bemerkbar. Aber wir gehen alle weiter, aufgeregt, auf einen aktiven Vulkan zu steigen, und verzaubert von der Aussicht auf die ecuadorianische Andenlandschaft. Irgendwann stapfen wir durch Schnee. Schnee. Lange schon habe ich keinen mehr gesehen. 


Über Europa hinaus

Das Refugio, wo wir uns mit viel zu teurer heisser Schokolade und Tee aufwärmen, liegt auf 4864 Metern über Meer. 386 Meter über dem Gipfel des Matterhorns und 54 Meter höher als der höchste Punkt Europas, die Spitze des Mont Blanc. Ja, nicht jeden Tag besteigt man einen Berg mit diesen Ausmassen. Und auch meine Besucher aus den Schweizer Bergen müssen zugeben: 5000 Meter sind doch etwas anderes als 2500 Meter in unseren Alpen. Das haben wir auf dieser Wanderung alle zu spüren bekommen.




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