28. September 2015

Streik!

Was tun, wenn man mit der Politik seiner Regierung nicht einverstanden ist? In Ecuador wird gestreikt. Und zwar im ganzen Land. Es werden Strassensperren errichtet und Proteste organisiert. Dumm nur, dass wir genau an diesem Tag aus einem kleinen Dorf in den Bergen ins knapp 170 Kilometer entfernte Baños fahren wollen.

Keine Busse heute, heisst es. Warum? „Paro nacional“ erklärt der junge Typ, der uns in seinem Pickup ins nächste Dorf fährt. Ja ja, denken wir uns, wie oft schon hat uns jemand erzählt, dass genau heute keine Busse fahren würden. Das klären wir dann lieber mal selbst ab. Hätten wir damals schon gewusst, was paro heisst, hätten wir uns das mit der Reise an diesem Tag vielleicht nochmals überlegt.

Wenn der Milchmann nicht kommt

Chugchilán liegt irgendwo im Nirgendwo, ein kleines Dorf dekoriert von schneebedeckten Bergspitzen und Vulkanen. Wir kamen hierher, um in der atemberaubenden Kulisse der ecuadorianischen Anden zu wandern. Und das haben wir genossen. Doch nun möchten wir weiter. Da wir nicht nachts um drei sondern zu einer einigermassen vernünftigen Tageszeit abreisen wollen, stellen wir uns kurz nach acht Uhr morgens an die Strasse und warten auf den Milchmann. Der kommt hier jeden Tag vorbei und nimmt Reisende mit ins nächste Dorf. Vergnügt warten wir wer fährt denn heute noch mit dem Milchmann mit? Und wir warten und warten. Doch der Milchmann kommt nicht.

Gut, dann eben mit dem Pickup nach Sigchos. Dort werden dann schon Busse fahren, denken wir und ignorieren die Warnungen unseres Fahrers und der zwei indigenen Frauen auf der Rückbank. Und so beginnt mit dieser Fahrt ins 30 Minuten entfernte Dorf unsere persönliche kleine Odyssee durch das streikende Ecuador. Denn natürlich: In Sigchos fahren keine Busse. Es ist paro nacional. Es wird gestreikt. Im ganzen Land.

 

Gesperrte Strassen

Nun sind wir ja glücklicherweise in Ecuador und hier findet sich auch bei einem landesweiten Streik relativ leicht ein geschäftstüchtiger Autobesitzer, der ein paar verlorene Gringos für ein kleines Entgelt mitnimmt. Wohin genau uns dieser nette Herr bringt, wissen wir nicht. Auch was genau los ist, ist uns momentan noch ein Rätsel. Aber wir sind ja abenteuerlustig und es ist noch früh und in diesem verschlafenen Bergdorf bleiben wollen wir auch nicht.

Nach einer knappen Stunde geht nichts mehr: Ein riesiger Baum liegt auf der Strasse. Strassensperre. Aber das aus wenigen Häusern bestehende Dorf mit einem Namen, den sich keiner von uns merken kann, sei gar nicht weit, meint unser Fahrer. Ja gut, dann geht’s jetzt wohl mal zu Fuss weiter. Rucksäcke, Mützen und Jacken an und los. Das indigene Dorf hat sich auf der einen Seite mit dem gefällten Baum und auf der anderen Seite mit Gestrüpp und brennenden Autoreifen selbst von der Aussenwelt abgeschnitten. Wir wundern uns und marschieren an fragenden Blicken und Rauchschwaden vorbei hinter die nächste Sperre. Auch hier stehen ein paar Autos und kleine Busse rum, aber mitnehmen will uns diesmal niemand. Ach, was soll’s. Es ist immer noch einigermassen früh, die Sonne scheint und die Rucksäcke sitzen gut. Weiter geht der Fussmarsch. Wie weit noch bis zur Panamericana?

 

Proteste und brennende Autoreifen

Nach ein paar Kilometern hält dann doch ein Pickup neben uns. Wir springen auf die Ladefläche und 20 Minuten später an der Autobahn wieder raus. Die Panamericana ist wie leergefegt. Nur selten fährt ein einzelnes Auto vorbei und der einzige Bus, der auf unser Handzeichen hin anhält, fährt nicht nach Latacunga. Tatsächlich scheint der Fahrer sofort Gas zu geben, als er unseren Zielort hört. Hä?

Also wieder weiter mit dem Auto. Interessant so auf der leeren Autobahn. 30 Minuten und ein paar Dollar später kommen wir endlich in Latacunga an, dem Knotenpunkt nach Süden und unserem ersten Zwischenziel für den Tag, an dem wir theoretisch schon vor Stunden hätten sein können. Beim Mittagessen sind wir noch zuversichtlich, dass wir hier einen Bus nach Baños erwischen werden. Immer noch haben wir nicht kapiert, dass hier gar kein Bus fahren wird. Nirgendwohin. Rund ums Busterminal ist die Stimmung denn auch alles andere als einladend. Autoreifen brennen, Menschen mit Bannern und langen Stöcken stehen herum, versperren den wenigen anfahrenden Autos den Weg und rennen in Mengen auf Taxis zu. Als einer dieser Mobs angerannt kommt, als wir gerade mit einem Taxifahrer verhandeln, weiten sich dessen Augen und er gibt ohne ein weiteres Wort zu sagen Gas. Irgendwas stimmt hier nicht. So richtig wohl fühlen wir uns so vollbepackt mitten in der Menge plötzlich nicht mehr. Und die Kamera lassen wir lieber auch mal eingepackt.

Alle gegen den Präsidenten

Streiks und Proteste gibt es in Ecuador immer wieder. Für die Bevölkerung scheint das nichts Besonderes zu sein. Heute wird einmal mehr gegen Präsident Rafael Correa protestiert. Die Gründe dafür sind so vielfältig wie die Demonstranten: Die indigenen Bewohner des Landes sind vor Tagen zu einem Protestmarsch nach Quito aufgebrochen. Sie wehren sich gegen den Plan der Regierung, Regenwald für die Ölförderung abzuholzen. So weit so nachvollziehbar. Weiter hat sich der Presidente überlegt, die Verfassung so zu ändern, dass er nicht nach zwei Amtszeiten abtreten muss, sondern unbeschränkt wiedergewählt werden kann. Ja, auch dagegen lässt sich protestieren. Und dann gibt es da noch die wohlhabenden Ecuadorianer, denen Correas geplante Erbschaftssteuer ein Dorn im Auge ist. Und wie es bei Protesten meistens ist, haben sich irgendwann auch einige Jugendliche eingeklinkt, die grosse mit einem A bedruckte Fahnen schwingen und sich gegen was auch immer auflehnen. Wir sind verwundert. Nur zwei Wochen zuvor hatte uns eine junge Frau in Quito noch vorgeschwärmt, was der Präsident für ihr Land alles Gutes getan habe. Und so zeigt sich einmal mehr: Man sieht als Besucher eben nur schwer unter die politische Oberfläche eines Landes.

Zwei Tage bis zum Ziel

Wie es mit unserer kleinen Odyssee weiterging? In kleinen Schritten zwar, aber stetig. Nach knapp neun Stunden in Taxis, Pickups und zu Fuss sind wir schliesslich in Ambato gestrandet. 20 Kilometer von unserem Endziel entfernt. Hier blieb uns tatsächlich nichts anderes übrig, als die Nacht in einem zwar billigen aber, ja, nicht sonderlich schönen Hotel zu verbringen. Am nächsten Morgen dann in einem weiteren Umweg endlich nach Baños. Über 24 Stunden haben wir gebraucht für die knapp 170 Kilometer. Und dabei eine Erinnerung fürs Leben gewonnen.





1 Kommentar:

  1. Und dä Tag klärt zu Mine Liäbsti vo üs er Reis! 😂Schön häsch dä Bohne so viel Platz geh i di Fotialbum😉Umarm eu fest! Danka namal für diä super Zyt mit eu in Ecuador! Ich vermiss es...

    AntwortenLöschen

· Alle Texte und Bilder von Ramona und Samir · © 2014/2015 · Powered by Blogger ·